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III. Die rumänische Sprache

1. Das Substrat

Im Prozess der Annahme einer fremden Sprache von einem in der Regel kulturell höher stehenden Volk geht die Sprache der autochthonen Bevölkerung nicht gänzlich unter, sondern gewisse Elemente leben als älteste Schicht der auf dem betreffenden Gebiet neuen Sprache weiter und lassen sich auch nachweisen. In der Linguistik wird die in der Gesamtheit ihrer heute noch fassbaren eigenen Züge sich manifestierende alte und untergegangene Sprache „Substrat“ genannt, die sie überdeckende neue Sprache „Superstrat“, eine beeinflussende (benachbarte) Sprache „Adstrat“193. Sie alle bestimmen die heutige Erscheinungsform der in späterer Folge entstehenden neuen Sprache.

Das Französische hat als Substratsprache das Gallische, das beim Romanisierungsprozess vom Superstrat, dem Lateinischen, verdrängt bzw. in Teilen aufgesogen worden ist. So darf man auch im Falle des heutigen Rumänischen ein „thrako-geto-dakisches“(1)194, „trako-dakisches“(2) oder nur „dakisches“(3) Substrat annehmen, da seine Entwicklung mit den Werdegängen aller anderer romanischen Sprachen vergleichbar ist.195

Die Sprache der Ureinwohner196 auf dem Gebiet der heutigen R.S.R., die nach der neueren rumänischen Geschichtsschreibung „eine organische Einheit bildeten und Teil der großen Familie der Thraker waren“197, ist in keinem einzigen Satz bis in unsere Tage überliefert worden. Die auf dem in Ezerovo (Bulgarien) gefundenen Goldring befindliche thrakische Inschrift ist noch unentziffert; nur Eigennamen von Personen, Orten, Gottheiten usw., Einzelwörter aus Glossen, alles in ungewisser und oft entstellter Überlieferung, stehen für Vergleichszwecke zur Verfügung198. Dennoch ist es gelungen, gewisse Partikel der untergegangenen thrako-dakischen Sprache, meist Wörter bzw. Wortbestandteile, aus dem Rumänischen zu rekonstruieren. Einzelne thrako-dakische Benennungen von Pflanzen, die aus den Schriften des Dioskurides, eines Arztes, der im 1. Jahrhundert n. Chr. gelebt hat, in einer Interpolation aus dem 4. Jahrhundert überliefert sind, konnten mit gewisser Wahrscheinlichkeit mit heute gebräuchlichen rumänischen Wörtern in Zusammenhang gebracht werden, so z.B. mozula mit rum. mazăre „Erbse”199

Auf Grund linguistischer Vergleiche mit dem Albanischen, dessen illyrisches Substrat mit dem Thrakischen bzw. daher auch mit dem Thrako-Dakischen als verwandt angesehen wird, gelten 89 rumänische Wörter als aus dem Substrat ererbt, bei weiteren 60 ist dies wahrscheinlich200. Neben lexikalischen werden unter anderem auch grammatische und syntaktische Phänomene dem Substrat zugeschrieben.201

Etwa 24 lexikalische Elemente gehören zum Grundwortschatz des Rumänischen, z.B. rum. buză „Lippe” copil „Kind”. Diese Wörter können nicht befriedigend durch Synonyme ersetzt werden. Ein aus dem Substrat ererbtes Grundwort bildet durchschnittlich vier Ableitungen, während lateinische Erbwörter nur drei, aus dem slawischen Adstrat stammende nur durchschnittlich zwei bilden. Somit stellt das autochthone Element einen wichtigen und unverzichtbaren Bestandteil des heutigen Rumänischen dar.202

Aus dieser Tatsache allein kann jedoch nicht die Kontinuität der Daker in Transsilvanien bewiesen werden, auch wenn die Benennung der Substratsprache als „thrako-dakisch“ darauf hinweisen möchte. Die Daker waren ja nur eine unter vielen ethnischen Gruppen, die gemeinsam als Thraker bezeichnet werden und die auch sprachlich mit Einschränkungen eine Einheit waren203. – Thraker finden sich auf dem sehr großen Gebiet vom Norden der Karpaten bis weit südlich der Donau, in den beiden nachmaligen Provinzen Moesia Superior und Moesia Inferior; romanisiert wurde in Südosteuropa – mit unterschiedlichem Erfolg und wechselnder Intensität – der Raum nördlich der Sprachgrenze des Lateinischen zum Griechischen, der sogenannten Jireček-Linie204. Überall, wo die Faktoren: thrakisches Substrat + lateinisches Superstrat präsent gewesen sind, hätte eine Sprache in der Gestalt des Rumänischen entstehen können205, also auch im Falle der Ausrottung der Daker durch die Römer, und im Falle der Vertreibung hätte die Bevölkerung ihre Sprache ohnedies mitgenommen. Das Vorhandensein von Substratmerkmalen in der rumänischen Sprache ist nur ein „Beweis für die sprachliche und ethnisch-soziale Kontinuität ... in organischer und natürlicher Verbindung mit den vorrömischen Vorfahren“206, die nicht zwingender Weise die Daker nördlich der Donau gewesen sein müssen.

2. Die autochthonen Gewässernamen

Einen Beweis für die territoriale Kontinuität kann man nur in jener Gruppe des Substrats erwarten, die an den betreffenden Ort gebunden ist, wie dies etwa bei den Namen der großen Gewässer, die im Vergleich mit denen der Städte und Dörfer in der Regel eine längere Lebensdauer aufweisen, der Fall ist. Während ein Namenswechsel nicht unbedingt auch einen Bruch in der Bevölkerungskontinuität bedeutet (z.B. hieß das heutige Paris einst Lutetia), setzt das Fortdauern eines Namens das Bleiben zumindest eines Teils des Volkes voraus, das ihn erinnern und von Generation zu Generation weiter vererben kann.207

Dass die heutige Namensform tatsächlich eine solche ununterbrochene, ethnisch einheitliche Entwicklung aus dem thrako-dakischen Substrat genommen hat, muss in der Vereinbarkeit mit den Lautgesetzen zum Ausdruck kommen208. Das Wesen dieser ist, blind und ausnahmslos auf die allmähliche Umgestaltung eines jeden Wortes, also auch auf die der Ortsnamen, einzuwirken.

Die Erfüllung dieser Bedingung soll am Beispiel einiger Namen von transsilvanischen Flüssen erprobt werden:

Der Criș (dt. Kreisch, ung. Körös)209 ist uns in verschiedenen Quellen noch aus dem 6. Jahrhundert n. Chr. als Grisia, Grissia, Gresia bezeugt. Diese latinisierten Formen deuten auf ein td. *Kris hin, was aber lautgesetzlich ein heutiges *Gri oder *Grei ergeben müsste: Eine Verhärtung des g zum heutigen c ist unmöglich (g>k), und das auslautende –s hätte noch in der lateinischen Entwicklung verschwinden müssen (wie z.B. lat. calidus über volkslat. *calidu zu rum. cald „warm“).

Allerdings muss für die latinisierten Nennungen berücksichtigt werden, dass diese nur Grapheme, das sind Verschriftlichungen von aus fremdsprachigem Mund gehörten Wörtern sind, wobei sehr leicht Ungenauigkeiten auftreten können. – So kann das Graphem <G> durchaus für ein als [k] gesprochenes, als [g] gehörtes Phonem stehen, das korrekter Weise als <C> hätte verschriftlicht werden sollen210.

Das auslautende –s kann einerseits als [sch] gesprochen worden sein und mangels eines Zeichens im lateinischen Alphabet hierfür als <s> geschrieben worden sein, andererseits im Inlaut sich befunden haben, wie dies auch in den Belegen der Fall ist. Somit wäre an ein *Kris- oder *Krisch des Substrats für <Grisia> usf. zu denken, das in direkter Entwicklung rum. <Criș>, [Krisch] ergibt.

Weiters bietet sich die Etymologie aus lat. crisio, -are „sich schütteln“, lat. Crisius „St. Chrysogonus“ und aus südslawisch *[Krisch] an.

Jedenfalls ist der rumänische Name älter als der ungarische, welcher im Jahre 1075 als „fluvium crys“ erscheint und über [keresch] zu [Körösch] = <Körös> sich entwickelt hat.211

Neuere Forschungen haben indes für das bislang mit slawischer Einflussnahme erklärte –sch im Auslaut Parallelen in der Entwicklung von Flussnamen gefunden und glauben daher an eine Ausnahme im Lautgesetz, an das Einwirken eines „sprachlichen Unfalls“212, der die Erhaltung des -s durch Umformung in [sch] bewirkt haben soll – Möglicherweise haben wir es hier mit einem thrako-dakischen Suffix in der Bedeutung „Fluss“, analog dem Suffix -dava „-stadt“ (z.B. Docidava „Dakerstadt“) zu tun, und so kann an td. *Kris- oder sogar *Krisi- gedacht werden. Das Suffix ist nicht verschriftlicht worden, da es als nicht zum Namen gehörig angesehen worden ist.

Noch schwieriger ist die Erklärung des Namens des Mureș213 (dt. Marosch, ung. Maros). Die ältesten antiken Nennungen lauten Maris, Marisia und so fort und lassen auf ein autochthones *Marisch, *Maris schließen. Auch wenn man das Problem des auslautenden -s beiseite lässt, kann die Umformung des -a- in ein -o- (Moris der ältesten mittelalterlichen ungarischen Urkunden) der nächsten Entwicklungsstufe nur unter Schwierigkeiten lautgesetzlich erklärt werde und müsste auf slawische oder später ungarische Vermittlung schließen lassen214. Auf Grund von Parallelen wir -dava > -dova „-stadt“; Dacii>Docidava „Dakerstadt“ wurde an einen weiteren „Sprachunfall“, den Wandel von a>o in später dako-moesischer Zeit gedacht215.

Al. Rosetti216 erklärt den Wandel a>o mit slawischer Vermittlung, den Wandel o>u, die nächste Entwicklungsstufe, lässt der Forscher jedoch unerklärt.

Vielleicht hat hier die der rumänischen Sprache eigentümliche Tendenz a>e>i einerseits und a>o>u217 andererseits218 gewirkt.

So kann auch der Name des Olt (dt. Alt, ung. Olt), in alten Belegen Alutus, Aittus und ähnlich, die ein rum. *Alt ergeben müssten, erklärt werden.219

Der Someș220, noch aus der Antike als Samus221 bezeugt, müsste über altrum *Samu zu rum. *Sam (wie lat. æramen > rum. Aramă „Kupfer“) sich entwickelt haben, kann jedoch ebenfalls durch die beiden erwähnten Ausnahmeregeln in seiner heutigen Form erklärt werden.

Größer ist die Ähnlichkeit des Namens Timiș222 (dt. Temesch, ung. Temes) mit den frühesten Belegen: Τίβισις Tibisis (Herodot), Tivisco, Tibissus etc. Der Übergang b>m bereitet einige Schwierigkeiten in der Erklärung; angenommen wird thrako-dakisch m/b-Alternanz, aber auch slawische Vermittlung.223

Die Erklärung der transsilvanischen Flussnamen als in kontinuierlicher Entwicklung von den thrako-dakischen zu den heutigen rumänischen sich geformt habende bereitet bei jedem einzelnen Probleme bezüglich der Vereinbarkeit mit den Lautgesetzen. Betrachtet man die Namen in ihrer Gesamtheit, so bemerkt man mit Regelmäßigkeit wiederkehrende Unregelmäßigkeiten.

Ob man der Argumentation Drăganus, der slawische Vermittlung annimmt, oder jener der ILR, die von sprachlichen „Unfällen“ spricht, folgt, oder den a>o-Wandel einer allgemeinen Tendenz des Rumänischen zur Schließung der Vokale, die Unregelmäßigkeit des auslautenden <ș> [-sch] in Criș, Mureș, Someș, Timiș mit einem alten Suffix, wie einem Plurallokativ224 oder einem verloren gegangenen thrako-dakischen „-fluss“ bzw. einer Erinnerung an ein solches225 erklärt, eine Neubenennung hat zu keiner Zeit stattgefunden.

Da die einheimische Bevölkerung den Römern die Flussnamen weitergeben konnte, ist die Annahme ihrer Ausrottung falsch. Die Kontinuität der Flussnamen spricht daher für die dakische Kontinuität.

Bezüglich der dakoromanischen Kontinuität sind die heutigen Flussnamen nicht als Beweis anzuerkennen, da sie nicht streng den Lautgesetzen folgen. Der Umstand der regelmäßigen Sonderentwicklung lässt die Annahme von fremder Vermittlung jedenfalls wahrscheinlicher als die anderen Erklärungsmöglichkeiten erscheinen. Im Allgemeinen sind die rumänischen Namen beweisbar älter als die ungarischen, und so kann die Unterbrechung nur in der Zeit vor dem Eindringen der Ungarn erfolgt sein.226

3. Das Problem der übrigen Ortsbezeichnungen

Im Falle der antiken Städtenamen haben wir keine so auffälligen Übereinstimmungen zu den heutigen, sie sind verloren gegangen227. Wie auch sonst überall im Römischen Reich, tragen hier die lateinischen Bezeichnungen autochthone Elemente in sich. Besonders deutlich zu sehen ist dies bei den zusammengesetzten Namen mit der erwähnten Endung -dava: Sacidava, Cumidava usw. – Dies spricht für das Weiterleben der bodenständigen Bevölkerung unter der römischen Herrschaft.228

Die antiken Bezeichnungen der großen Städte haben nicht die Zeiten überdauert; deren heutige Namen sind in der Regel sogar relativ jung. Wie erwähnt, bedeutet dies nicht unbedingt einen Bruch der Bevölkerungskontinuität. Erklärlich ist dieser Umstand durch das Faktum, dass diese Städte und Ortschaften ihre Bedeutung allmählich eingebüßt haben und während der Völkerwanderungszeit, besonders durch den Hunneneinfall veranlasst, von der Bevölkerung verlassen worden sind.229

Diese hat sich in auf Berge und in Täler zurückgezogen und bäuerliche Ansiedlungen gebildet oder ein Wanderhirtendasein geführt. Hierfür spricht der Bedeutungswandel des lateinischen Wortes pavimentum „Estrich, Pflaster“ zu rum. pămînt „Erdboden”, einer Umdeutung einer städtischen Bezeichnung im bäuerlichen Bereich.230

Diese Entwicklung hat sich sowohl nördlich als auch südlich der Donau begeben231, und so kann aus diesem Wort allein kein Beweis für die dakoromanische Kontinuität gewonnen werden.

Man vermutet daher, im Namen von ländlichen oder ehemals ländlichen und später zu Städten gewordenen Ansiedlungen Merkmale, die für die dakoromanische Kontinuität sprechen, gefunden zu haben.232

So meint Gamillscheg, der Name von Turda tradiere ein nicht belegtes *Turidava, nach dem Bache Tur. Diese Überlieferung konnte nur in der rumänischen Sprache geschehen, da diese die einzige ist, die intervokalisches -v- verstummen lässt und so Tur´da´ bilden kann233. Doch kann auch an eine Benennung nach einem Personennamen aus jüngerer Zeit gedacht werden234.

Die Stadt Abrud, lat. belegt als Abruttum, Abrittum, in goldreicher Gegend gelegen, dürfte ein lat. obridium „reines Gold“ im Namen tragen. In diesem Falle kann der Ortsname weder durch slawische noch durch ungarische oder türkisch-tatarische Vermittlung ins Rumänische gelangt sein, er hat sich kontinuierlich entwickelt.235

Der Ortsname Iernut, auch Ernut bzw. Ernot (ung. Rádnot) beweist236 genau die Reihenfolge: romanisch bzw. rumänisch – slawisch – ungarisch. Die Slawen haben von der dakoromanischen Bevölkerung *Ar(d)not übernommen und zu *Radnot umgestaltet; diese Form haben die Ungarn wiederum von den Slawen übernommen. Die vorslawische Bezeichnung *Ar(d)not > Iernut lebt im rumänischen Namen weiter.

Die topischen Bezeichnungen Păcura, Păcureni usw. tragen vielleicht das rum. Wort păcură „Erdöl, -pech“, aus lat. picula (zu pix „Pech”) entwickelt, in sich. Diese Ortsnamen haben für unsere Fragestellung an sich keine Beweiskraft, da sie relativ späte Neubenennungen darstellen (Suffix -eni!); auch kann eine Benennung nach rum. păcurar „Schafhirte“237 erfolgt sein.238

Anders ist es mit dem Wort rum. păcură „Erdöl, Erdpech, Wagenschmiere...” an sich, das sich nur in Gegenden nördlich der Donau, wo es Erdölquellen gibt, gehalten haben kann. Südlich des Stromes gibt es nur in Albanien Erdölvorkommen, und auch diese wurden erst in unserem Jahrhundert entdeckt. Bei den Aromunen und Istrorumänen ist dieses Wort verschwunden, bei den Rumänen in der heutigen R.S.R. jedoch recht gebräuchlich; hier kommt es sogar in Redewendungen wie z.B. negru ca păcura „pechschwarz“ vor. So ist dieses ortsgebundene Wort ein wertvolles Indiz für die Kontinuität der dakoromanischen Bevölkerung im Gebiet nördlich der Donau, nicht aber notwendiger Weise auch in Siebenbürgen.239

Der Name der Karpaten trägt zwar die Stammesbezeichnung der Karpen in sich, ist aber dortzulande nicht volkstümlich. Es handelt sich wohl um einen Neologismus, und somit hat er keinerlei Beweiskraft für die Kontinuität.240

Da die Slawen von der alteingesessenen Bevölkerung auch im Falle ihres Fortbestandes bis ins 6. Jahrhundert keine alten Städtenamen aus den genannten Gründen übernehmen haben können, ist es nicht verwunderlich, dass die heutigen Namen in der Mehrzahl auf slawische Benennungen zurückgehen241. Auch die Bezeichnungen von kleineren Flüssen sind in der Regel slawisch. – Interessant ist die Namensgebung der Flüsse Bistrița (dt. Bistritz, ung. Besztercze) und Sebeș242. Ersterer trägt am Oberlauf die rumänische Benennung Repedele „die Schnelle” (zu rum. repede „schnell”), der andere heißt am Oberlauf Bistra und Frumoasa „die Schöne” (zu rum. frumos „schön”). Der Name Sebeș ist ungarisch (zu ung. Sebes „schnell”); die Namen Bistrița und Bistra gehen auf ein slawisches bystrica „schnell“ zurück. Hier wird deutlich, wie die dakoromanische bzw. rumänische Bevölkerung, von den Slawen zurückgedrängt, die alte Bezeichnung Repedele bzw. Frumoasa bis heute bewahrt hat. Die Slawen haben im ersten Fall den Namen übersetzt, im zweiten Fall eine Neubenennung vorgenommen und sind wiederum von den Ungarn, die den Namen in ihre Sprache übersetzt haben, talaufwärts gedrängt worden.243

Somit ergibt sich auch aus der Toponymie: den Namen ländlicher Ortschaften und denen kleinerer Flüsse, mit gewisser Wahrscheinlichkeit ein Hinweis für das Weiterleben dakoromanischer Bevölkerung in der Zeit der Slawenherrschaft und für die Priorität vor den Ungarn.

4. Superstrat und Adstrat: Die Romanität des Rumänischen

Der romanische Charakter der rumänischen Sprache ist so offensichtlich, dass er kaum bezweifelt werden kann.

Das phonologische System des Lateinischen, das bei den Vokalen (a, e, i, o, u) lang und kurz unterschieden hat, wurde dieser Quantitäten beraubt und somit vereinfacht, hingegen um zwei Vokale bereichert: um das <ă> und das <î> (auch: <â>)244. – Diese stellen wahrscheinlich keine Entlehnungen aus dem Slawischen dar, sondern sind Resultate einer eigenständigen Entwicklung.245

Romanisch ist auch die Wandlung von lat. [k], [g] vor e, i zu [tsch], [dsch]246, wie z.B. lat. cera [kera] „Wachs“ zu italienisch cera [tschera] bzw. rum. ceară [tscheară]. Das vornehmlich in slawischen Lehnwörtern vorkommende h (z.B. rum. Hrană „Nahrung“) dürfte dem Slawischen entnommen worden sein.247

Das stabilste Element einer Sprache, die Grammatik, ist überwiegend und in den wichtigsten Zügen und den Grundlagen nach lateinisch248. Sie ist archaisch und dem Lateinischen näher, als es bei den westromanischen Sprachen der Fall ist.249

Am auffälligsten ist und war der romanische Charakter am Wortschatz. Poggio Bracciolini, ein italienischer Humanist, schrieb in seinem Werk „Disceptationes convivales“ (1451)250:

Apud superiores Sarmatas colonia est ab Traiano ut aiunt derelicta, quae nunc etiam inter tantam barbariem multa retinet latina vocabula, ab Italis, qui eo profecti sunt, notata. Oculum dicunt, digitum, manum, panem, multaque alia quibus apparent ab Latinis, qui colonia ibidem relicti fuerunt, manasse eamque coloniam fuisse latino sermone usam.

Tatsächlich sind vom rumänischen Grundwortschatz ca. 58% lateinischen Ursprungs, nur 21% von der wichtigsten Adstratsprache, dem Slawischen, entlehnt. Der Rest verteilt sich auf Einflüsse des Ungarischen, von Turksprachen, auf Neologismen usw.251 Wohl kann im Rumänischen ein Satz mit ausschließlich erblateinischen lexikalischen Elementen gebildet werden, z.B. „Casa mea are multe ferestre“ – „Mein Haus hat viele Fenster“. Dies ist jedoch kaum mit slawischen und anderen Adstratwörtern möglich. In rumänischen Gedichten kommen ganze Strophen vor, die aus mit dem Lateinischen in Zusammenhang stehenden Wörtern bestehen, während nur aus Adstratwörtern zusammengesetzte undenkbar sind252.

Der deutlich romanische Charakter der rumänischen Sprache ist ein Beweis für die Kontinuität des Geistes über die fremden Einflüsse der Völkerwanderungszeit hinweg253. In Bezug auf die dakische Kontinuität konnte noch davon ausgegangen werden, dass Substratelemente nur durch Daker weitergegeben worden sind; bei der ungleich höheren Attraktivität der lateinischen Sprache ist diese Prämisse nicht mehr ohne weiteres gültig. Auch auf welchem Territorium diese Kontinuität stattgehabt hat, ob nördlich und / oder südlich der Donau, bleibt bei isolierter Betrachtung dieses Argumentes offen.

Auch stellt sich die Frage, wie eine so unleugbar erfolgreiche und nachhaltige Romanisierung des Gebietes der römischen Provinz in der relativ kurzen Zeit von 169 Jahren, also in vier bis fünf Generationen, zu Stande gekommen ist254.

Die dem Rumänischen zu Grunde liegende Romanität ist sowohl nördlich als auch südlich der Donau zu suchen. – In den südlichen Provinzen, die etwa sechs Jahrhunderte unter römischer Herrschaft gestanden sind, hat der Romanisierungsprozess schon im ersten Jahrhunder v. Chr. begonnen. So wurde die Bevölkerung nördlich des Stromes schon um die Mitte des ersten nachchristlichen Jahrhunderts durch Kaufleute mit römischer Sprache und Kultur in Berührung gebracht, obgleich diese ersten Kontakte keinen größeren Personenkreis erreicht haben dürften.255

Auch nach Beendigung der Zugehörigkeit zum Imperium hat der Romanisierungsprozess angedauert; er wurde von der verbliebenen romanischen Bevölkerung unter den eingewanderten freien Dakern weitergeführt.256

Auch kulturelle Einflüsse von außerhalb dürften den Romanisierungsprozess am Leben erhalten haben. Vielfach wird angenommen, dass diese vornehmlich aus den südlich der Donau gelegenen Provinzen über die Donau hinweg vermittelt worden sind und dass hierbei das Christentum eine besondere Rolle gespielt habe. Hierauf deuteten auch die alten lateinischen Wörter, die zusammen mit dem neuen Glauben in die Sprache gelangt wären, wie z.B. lat. dominus deus > rum. Dumnezeu „Herrgott“, lat. draco „Schlange“ > rum. drac „Teufel“, lat. angelus > rum. înger „Engel“, aber auch lat. basilica „Königshalle“ > rum. biserică „Kirche“.257

Wie bereits erwähnt, deuten verschiedene Umstände auf eine Missionierung von Oberitalien aus hin258, daher gibt die Ausbreitung des Christentums keinen Hinweis auf Kontakte mit den südlichen Provinzen, wohl aber mit dem Römischen Reich im Allgemeinen.

Die das Christentum betreffenden lateinischen Wörter sprechen auch nicht für eine Kontinuität des Christentums seit der Zeit der römischen Provinz bis heute. Im Falle einer Einwanderung vom Süden her hätten die (Ur-)Rumänen diesen Wortschatz gewiss mitgebracht. Das Wort biserică „Kirche” deutet darauf hin, dass die christliche Religion erst nach Konstantin zu den Dakoromanen gelangt ist: erst dann durften die Christen ihren Glauben öffentlich in der basilica ausüben. Wenn in der Provinz Dazien bereits nennenswerte christliche Gemeinden bestanden hätten, wäre das Wort lat. ecclesia „Versammlung” für diese Bezeichnung wahrscheinlicher.259

Allerdings spricht einiges dafür, dass die Romanisierung im Norden besonders intensiv und in kurzer Zeit erfolgreich gewesen ist, so dass sich „zumindest während der Zugehörigkeit zum Römischen Weltreich ein römisches Leben im eigentlichen Sinn [hat] entwickeln können”260.

Inschriften aus Tropaeum Traiani261 – allerdings südlich der Donau gelegen – zeigen, wie rasch einzelne Familien römische Sitten angenommen haben. So wird etwa Daizus, Sohn des Comozous genannt, die beide thrako-dakische Namen tragen; die Kinder des Daizus hingegen heißen: Justus und Valens262.

Im Romanisierungsprozess spielten neben den Städten auch Gutshöfe und militärische Einrichtungen eine große Rolle. In die Armee wurden auch Daker aufgenommen und nach 25 Jahren Dienst als Veteranen263 und römische Bürger entlassen und auf ihnen zur Verfügung gestellten Ländereien angesiedelt. Die so Romanisierten brachten im Verein mit den von überallher gekommenen Kolonen, die das nahezu ohne Unterschiede im ganzen Imperium gesprochene Volkslatein mitgebracht hatten264 und ebenfalls auf ihren Gütern wohnten, der bäuerlichen Bevölkerung römische Lebensweise und Sprache nahe.265

Die Annahme der fremden Sprache durch die autochthone Bevölkerung ist in zwei Stufen vor sich gegangen. Zunächst ist sie von einer jeweiligen Person bzw. Familie nur im öffentlichen Bereich, als Verkehrssprache, verwendet worden, während im familiären Bereich das Thrako-Dakische als Heimsprache weitergelebt hat. Als nächste Stufe und Endpunkt der Entwicklung hat das Lateinische auch zu Hause Eingang gefunden, die Heimsprache verdrängt und ist in beiden Bereichen als Umgangssprache verwendet worden.266

Diese Unterscheidung in Entwicklungsstufen betrifft den Romanisierungsprozess insgesamt gesehen nicht nur diachron, sondern auch regional. Als Umganssprache wurde das Lateinische nur in den Städten und anderen Zentren gesprochen; am Lande blieb das Thrako-Dakische im Hause bestehen, die fremde Sprache wurde nur als Verkehrssprache verwendet. Diese Verhältnisse gelten für die Zeit der Provinz; nach dem aurelianischen Abzug wurde das Lateinische nur im Status einer Verkehrssprache in den ehemals römischen Gebieten weiter benützt.267

Der Grad der Romanisierung war somit nicht räumlich homogen, sondern es haben sich Gebiete fortgeschrittenen Romanisierungsgrades, quasi „Horte” der Romanität gebildet. Dort hat der Romanisierungsprozess fortgedauert, und von dort aus sind die Wanderungen in die heutigen Wohngebiete der Rumänen in der R.S.R. ausgegangen. Diese Zentren der Romanität nennt Ernst Gamillscheg, dem diese Erkenntnisse zu verdanken sind, „Kerngebiete”268.

5. Das romanische Kerngebiet in Siebenbürgen. Die Theorie Ernst Gamillschegs.

Die später von Günter Reichenkron fortgesetzten269 Forschungen ergaben drei solche uralte Kerngebiete, aus deren Sprachmaterial später zu einem Teil das Rumänische entstanden ist.

Das erste, „dardano-romanische“, südlich der Donau gelegen, hatte als Substratsprache das Illyrische und wurde durch das Latein der aus dem Norden abgezogenen dakoromanischen Bevölkerung beeinflusst. Aus diesem Kerngebiet ging eineseits ein Teil der albanischen Bevölkerung hervor, bei denen sich die Substratsprache auf Kosten des Romanischen durchgesetzt hat; andererseits bildete jener Teil der Bevölkerung, der das Romanische bewahrt hat, den Kern der Aromunen.

Das zweite, das „daco-romanische“ Kerngebiet270, hat sich in den Bergen im Westen Siebenbürgens, um die Bergwerke bei Zlatna; bei Cluj, Turda, Alba Iulia, Deva, Abrud, Beiuș befunden. Es stellt die Keimzelle der siebenbürgischen Rumänen dar und ist für unsere Betrachtungen das wichtigste.

Der Streifen nördlich und südlich der Donau und längs des Flusses Olt stellt das dritte, das „geto-romanische“ Kerngebiet dar. – Die beiden letzten haben als Substratsprache das Thrako-Dakische.

In der Folge soll auf das „daco-romanische“ Kerngebiet näher eingegangen werden.

Dessen Entdeckung durch Ernst Gamillscheg beruht im Wesentlichen auf den Materialien des unter der Leitung von Sextil Pușcariu entstandenen und 1938 erschienenen ersten Bandes des „Atlasul Linguistic Român“271. Der gesamte rumänische Sprachraum war bereist und in ausgewählten Ortschaften Fragen an die Einheimischen gestellt worden. Die Antworten der befragten Personen wurden auf regionale Besonderheiten in Aussprache, Wortwahl etc. untersucht. Diese Eigentümlichkeiten wurden systematisiert und in Landkarten eingetragen, so dass sich ein Kartenwerk der regionalen sprachlichen Unterschiede ergeben hat.272

Zunächst ist bei relativ oberflächlicher Betrachtung erkenntlich, dass in Transsilvanien lexikalische Elemente, die aus dem Lateinischen stammen, erhalten geblieben sind, während diese in den östlichen Gebieten untergegangen bzw. durch Neuerungen, vornehmlich durch slawische Lehnwörter, ersetzt worden sind. So sagt man im Westen rum. aiu „Knoblauch“ < lat. allium; im Osten usturoi. Nur in Transsilvanien hat sich das archaische pedestru in der Bedeutung „elender, armseliger Mensch“ (zu lat. pedester „zu Fuß“) erhalten273. Auch rum. arină „Sand“ < lat. arena ist nur in Nordsiebenbürgen bodenständig274, die literarische Bezeichnung lautet rum. nisip. Ebenso ist es mit rum. nea „Schnee“ < lat. nivis im Gegensatz zur literarischen Bezeichnung zăpadă, einem slawischen Lehnwort275. Solche Beispiele können noch in größerer Zahl gefunden werden und lassen auf eine starke und dauerhafte Romanität in gerade den Gebieten, wo sich die meisten römischen Städte befunden haben, schließen.276

Da sich das Rumänentum, nach der Kerngebiet-Theorie, vornehmlich in diesen entwickelt hat und dann ausstrahlend die übrigen Völkerschaften überdeckt hat, die ihrerseits das Rumänische als – übertrieben gesagt – „internationale Verkehrssprache“ erlernt haben; in der Folge aber, als sie es auch als Heimsprache zu benützen begannen, entnationalisiert und vom Rumänentum assimiliert worden sind, kann an der Verbreitung von einer gewissen Gruppe von Lehnwörtern auf solche aufgesogene Volkssubstrate geschlossen werden.

Zunächst wurde das Gebiet der Ortsnamen wie OHABA, OHABIȚA etc. auf einer Karte eingetragen. Diese gehen auf ein slawisches *ohaba, welches eine Art Freihof bezeichnet hat, zurück277 und haben sich auf dem Gebiet der ersten slawischen Einwanderung nach Oltenien, Südsiebenbürgen und in das Banat, gebildet.278

Die eben erwähnte besondere Gruppe der Lehnwörter ist die, welche nicht im Bereich der Verkehrssprache, sondern im familiären, häuslichen Kreis bei der Ausdehnung des Rumänischen auf die Heimsprache entstanden sind. Wenn wir das Lehnwort a șușcăi279 „seufzen” < serbisch šuškati „wispern, flüstern” neben dem lateinischen a suspina und dem slawischen a ofta haben, so ist die serbische Entlehnung nicht aus dem Bedürftnis eines neuen Wortes entstanden, sondern über die Heimsprache sozusagen „ungewollt” ins Rumänische eingedrungen. – Dies bedeutet, dass sich in dem betreffenden Gebiet über die slawische Schicht der Träger der Ohaba-Namen eine Schicht von Serben legte, die später das Rumänische als Umgangssprache angenommen und den Heimausdruck in die gemeinsame Umgangssprache mitgebracht hat.280

So finden wir serbisches völkisches Substrat in der Gegend um Timișoară. Ähnliche Untersuchungen zeigen, dass sich das Rumänische auf Kosten des Ruthenischen in Maramureș und im Norden des Kreises Satu Mare ausgedehnt hat; sogar eine später rumänisierte ungarische Substratschicht kann für weite Teile Transsilvaniens festgestellt werden.281

Die Verbreitung dieser völkischen Substrate wurde auf der Landkarte eingezeichnet, und es blieb eine Lücke, wo kein solches vorhanden gewesen ist: das siebenbürgische Kerngebiet.282

Diese Hypothese steht nicht nur im Einklang mit den ältesten Städtenamen Abrud und Turda und dem Flussnamen Criș, dessen Arme dort entspringen, und den Nachrichten des Notarius König Bélas, der ebendort das Herrschaftsgebiet Gelous lokalisiert, sondern auch mit der Verbreitung weiterer, nun positiver sprachlicher Erscheinungen: Das aus dem Slawischen früh entlehnte rum. slab hat hier, im Kerngebiet, eine gesonderte, nur aus dem Volkslateinischen erklärbare Entwicklung von slawisch slabъ noch volkslat. sklab > rum. dialektal sklab „schwach, mager“ mitgemacht. Hier ist auch die dialektale Form sklănină zu schriftsprachlich rum. slănină „Speck” neben einigen anderen Beispielen zu erwähnen.283

Zusammenfassend: Entlehnungen aus dem Slawischen sind hier noch spätlateinischen Umgestaltungen unterlegen. Das setzt die Anwesenheit von romanischer Bevölkerung zu einer sehr frühen Zeit, bei der Einwanderung der Slawen, voraus.

Somit ist – nach Ernst Gamillscheg und Günter Reichenkron – bewiesen, dass „das Lateinische in seiner rumänischen Gestalt nun wirklich seit der Zeit von Kaiser Trajan ununterbrochen bis heute geblieben ist“284.

Es fällt schwer, diese einleuchtende Theorie bezüglich ihrer Beweiskraft einer Bewertung zu unterziehen. Sie beruht auf linguistischen Erscheinungen der heutigen Zeit bzw. der vor nunmehr fünfzig Jahren. Immerhin erscheint es möglich, dass diese Besonderheiten auf uns nicht fassbare Bevölkerungsverschiebungen zurückgehen, auf territorial inhomogene Verteilungen einer angenommenen dakoromanischen Einwanderungsbewegung oder auf irgendwelche andere uns nicht erklärbare historische Vorgänge.

Jede andere Erklärungsmöglichkeit für die nicht wegzudiskutierenden linguistischen Phänomene erscheint zwar viel unwahrscheinlicher, dennoch würde ich diese Theorie nicht als unwiderlegbaren Beweis für die dakoromanische Kontinuität ansehen. Die Übereinstimmungen mit den Untersuchungen der schriftlichen Quellen und den archäologischen Funden erscheinen doch noch zu gering.