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I. Historiographische Quellen

1. Die antiken Geschichtsschreiber

Diese haben uns nichts zur Stützung der Kontinuitätstheorie hinterlassen. Folgt man streng dem Wortlaut ihrer Werke, so sprechen sich die Quellen sogar entschieden dagegen aus, und zwar in Bezug auf beide Probleme: die dakische und die dakoromanische Kontinuität.

So berichtet uns bezüglich der Fortdauer der dakischen Bevölkerung nach der Eroberung durch Traian der um die Mitte des 4. Jahrhunderts lebende Historiker Eutropius, dem allerdings keine bedeutenden Kenntnisse bescheinigt werden4:

... propterea quod Traianus, victa Dacia, ex toto orbe Romano infinitas eo copias hominum transtulerat ad agros et urbes colendas; Dacia enim diuturno bello Decibali viris fuerat exhausta.5

... weshalb Traian, nachdem Dazien besiegt worden war, aus dem gesamten römischen Gebiet unendliche Mengen an Menschen dorthin verlegte, um die Äcker und Städte zu besiedeln; Dazien war nämlich durch den lang dauernden Krieg Dezebals von Männern entvölkert worden.

Und in Bezug auf die Räumung der nördlich der Donau gelegenen Gebiete unter Kaiser Aurelian berichtet uns die nämliche Quelle:

[Aurelianus] ... abductosque Romanos ex urbibus et agris Daciae, in media Moesia collocavit.6

... und er (erg.: Aurelian) führte die Römer aus den Städten und Äckern Daziens weg und siedelte sie im mittleren Moesien an.

Den letzteren Vorgang schildert uns mit ähnlichen Worten Flavius Vopiscus in seiner nach 300 verfassten Kaisergeschichte Aurelians. Dieser Autor wird als nicht unglaubwürdig eingeschätzt.7

Cum vastatum Illyricum ac Moesiam deperditam videret, provinciam Transdanuvina(m) Daciam a Traiano constitutam sublato exercitu et provinicalibus reliquit, desperans eam posse retineri, abductosque ex ea populos in Moesia conlocavit appellavitque suam Daciam, quae nunc duas Moesias dividit.8

Da er Illyrien verwüstet und Moesien zu Grunde gerichtet, und keine Hoffnung vor sich sah, das von Traian jenseits der Donau zur römischen Provinz gemachte Dazien behaupten zu können, so gab er dasselbe auf, zog die Truppen und Provinzialien daraus hinweg, verpflanzte die ausgewanderten Einwohner nach Moesien, und nannte den jetzt die beiden Moesien von einander trennenden Landstrich sein Dazien.9

Diese Räumung beschreiben insgesamt sechs antike Autoren: Aurelius Victor, die genannten: Eutropius und Flavius Vopiscus; Festus – alle aus dem 4. Jahrhundert – , dann Orosius (5. Jahrhundert) und Iordanis (551)10. Von letzterem wird noch die Rede sein.

Alle hier aufgeführten Textstellen dürfen nicht ohne weiteres ihrem vordergründigen Sinne nach verstanden werden, sie bedürfen einer Interpretation.

Das Zeugnis des Eutropius, die Eroberung durch Traian betreffend, beinhaltet scheinbar die völlige Ausrottung der alteingesessenen Bevölkerung im Gebiete der späteren römischen Provinz, was – nach Eutropius – die Bewegung einer ganz außerordentliche großen Menge an Siedlern in den entstandenen Leerraum zur Folge gehabt hätte. Doch verwendet der Historiker hier nicht das allgemeine Wort „hominibus“, sondern er schreibt „viris ... exhausta“, welches – zunächst wörtlich übersetzt – „von Männern entvölkert“, dem genauen Sinne nach aber „von Kriegern entvölkert“ heißt.

Selbst wenn man diese Quellenstelle nicht als rhetorische Übertreibung ansieht und gelten lässt, dass wirklich alle dakischen Krieger gefallen oder verschleppt und ermordet worden seien, so sind doch zumindestens die Frauen, Kinder und die nicht wehrfähigen Männer am Leben geblieben.11

Das Zeugnis des Cassius Dio, eines glaubwürdigen Autors des dritten Jahrhunderts12, besagt, dass „viele Daker zu Traian abgefallen“13 seien, d.h., eine gewisse Anzahl hat rechtzeitig die Seiten gewechselt und ist sicher am Leben geblieben.14

Auch wissen wir aus verschiedenen anderen Quellen, dass – wie auch sonst überall im Römischen Reich – in der Provinz Dazien unter den jungen dakischen Männern rekrutiert worden ist. Diese sind im Heer in Einheiten mit dem ethnischen Beinamen „Dacorum“ zusammengefasst worden. Als Beispiel sei die Cohors I Aelia Dacorum miliaria, die in Britannien am Hadrianswall stationiert war, genannt.15

Dass eine außerordentlich große Menge an Menschen in das neu gewonnenen Land geströmt ist, erklärt sich nicht aus dem Umstand der Entvölkerung, sondern mit der zur Einverleibung in das Imperium Romanum nötigen Installierung von Beamten und Militär, obgleich natürlich auch zahllose Siedler aus allen Teilen des Römischen Reiches herbeigekommen sind.16

Die erwähnte Stelle bei Eutropius bietet somit keinen Beweis gegen die dakische Kontinuität unter der Römerherrschaft.

Schwieriger ist die Lage beim zweiten Quellenkomplex, die Räumung der Provinz unter Aurelian betreffend: hier bezeugen mehrere Schriftsteller explizit den Rückzug aller Römer. Doch nicht einmal Robert Roesler, der unversöhnliche Gegner der Kontinuitätstheorie, nimmt an, dass wirklich die gesamte Bevölkerung das Territorium verlassen hat17. Obwohl anzunehmen ist, dass die außerordentlichen Ausmaße der Auswanderung bei den Geschichtsschreibern Anlass zu Übertreibungen gegeben haben, sind doch ergänzende Beweise nötig, insbesondere um die Behauptung aufrecht erhalten zu können, vornehmlich Angehörige der armen Landbevölkerung, Bauern, kleine Handwerker etc. seien zurück geblieben, während dieser Quellenkomplex sich allein auf die (unzweifelhafte) Auswanderung von Staatsbeamten, Militär und Reichen beziehen soll18.

In diesem Zusammenhang wird auch folgende Stelle aus den „Romana“ des Iordanis zu beachten sein:

... Daces autem post haec iam sub imperio suo Traianus, Decebalo eorum rege devicto, in terras ultra Danubium, quae habent mille milia spatia, in provinciam redegit. Sed Gallienus eos dum regnaret amisit Aurelianusque imperator evocatis exinde legionibus in Mysia conlocavit.19

... Was die Daker anbelangt, deren Gebiete jenseits der Donau liegen und einen Umkreis von tausend Meilen haben, sie hat Traian erst nach diesen Ereignissen (erg.: der Eroberung von Noricum und Moesien) in eine römische Provinz verwandelt, nachdem er ihren König Dezebal besiegt hatte. Gallienus aber hat sie während seiner Herrschaft verloren und Kaiser Aurelian hat von dort die Armee abberufen und sie nach Moesien verlegt.20

Iordanis hat hier Festus als Quelle benützt. Jener schreibt aber „translatis exinde Romanis“ – „nachdem man die Römer von dort überführt hatte“.21

Warum soll man in dieser Frage Iordanis, der jüngsten und scheinbar minderwertigsten Quelle22, mehr Glauben schenken als allen anderen Autoren?

Vladimir Iliescu meint, dass Iordanis die Korrektur seiner Vorlage Festus in die Richtung, dass nur das Heer abgezogen sei, auf Grund seines eigenen Wissens angebracht hat. Entweder hat Iordanis von der Existenz einer romanischen Bevölkerung im Norden der Donau gewusst, oder ihm stand eine lokale moesische Quelle mit der Überlieferung, nur ein Teil habe die Provinz verlassen, zur Verfügung. Da der Historiograph wie seine Vorfahren aus Moesia Inferior stammt, dürfen wir ihm gute Kenntnisse der örtlichen Lage zubilligen.23

Somit ergibt sich aus der Quellenlage keine Unmöglichkeit für die Fortdauer der dakoromanischen Bevölkerung auf dem Gebiet der ehemaligen Provinz Dazien24. Auch wenn man der Hypothese Iliescus folgt, ist doch anzunehmen, dass der zahlenmäßig größere Teil der Provinzbewohner ausgewandert ist25.

2. Die sogenannte „Nestorchronik“

Die Gegner der dakoromanischen Kontinuität führen als Beweis für ihre Ansicht an, seit dem Abzug der Römer (275) sei auf dem von diesen verlassenen Territorium bis ins 13. Jahrhundert hinein kein Volk, das als Vorläufer der heutigen Rumänen in Betracht komme, aus den historischen Quellen (schriftlicher und anderer Art) erschließbar; die rumänische Bevölkerung sei im Verlauf des 13. Jahrhunderts aus Gebieten südlich der Donau, wo ihre Vorfahren schon wesentlich früher quellenmäßig belegt sind26, zugewandert. – Obwohl das Nichterscheinen in den Quellen nicht einfach mit Nichtexistenz gleichgesetzt werden darf, ist dieser Umstand doch nicht einfach zu übergehen.27

Daher sind die Anhänger der Kontinuitätstheorie gezwungen, Beweise für die Existenz einer (proto-)rumänischen Bevölkerung für den Zeitraum von 275 bis 1200, d.h. für etwa ein Jahrtausend, zu erbringen. – Es wird behauptet, auch in den historiographischen Quellen gäbe es Belege für dieses Volk; es erscheine unter der Bezeichnung „Walachen“28 in der sogenannten „Nestorchronik“ und in den „Gesta Hungarorum“ des anonymen Notarius König Bélas. Von ersterem Werk wird zunächst die Rede sein.

Die nach dem angenommenen Verfasser, dem auch sonst schriftstellerisch tätig gewesenen Mönch Nestor benannte altrussische Chronik „Povest’ vremennych let“, d.h. „Geschichten vergangener Zeiten“, ist in den Jahren 1110 bis 1116 im Höhlenkloster zu Kiew entstanden. In dem Werk wird die Entstehung des russischen Landes und dessen Geschichte seit der Sintflut, genauer ab dem unter dem Jahre 852 erwähnten, tatsächlich im Jahre 869 erfolgten Angriff der Russen auf Konstantinopel, bis in die Gegenwart des Autors in Annalenform erzählt.29

Die für unsere Belange wichtige Stelle gebe ich in zwei Übersetzungen wieder30:

Im J 898 zogen die Ungern vor Kiev vorbei, über einen Berg, der (nun) der Ugrische genannt wird. Sie kamen an den Dnepr, und standen hier in Weshen, denn sie marschirten wie die Polovzer.

Sie waren vom Orient hergekommen, und stürzten durch hohe Berge, die die Ugrischen Berge genannt werden; und fingen an, die dort wonenden Wlachen und Slaven zu bekriegen.

Denn da saßen vorhin Slaven, und Wlachen namen das Slavonische Land ein. Nachher aber verjagten Ugern die Wlachen, und erbten dieses Land, und saßen mit den Slaven zusammen, die sie unterjocht hatten. Von der Zeit an ward das Land Ungern genannt.

Da fingen die Ungern an, die Griechen zu bekriegen, und schleppten Gefangne weg aus Thrakien und Makedonien bis nach Thessalonich. Dann fingen sie an, gegen Mären und Böhmen zu kriegen.31

898. Im Jahre 6406. Die Ungarn zogen an Kijew vorbei über die Anhöhe, die jetzt Ugorskoje heißt; und sie kamen an den Dnepr, und schlugen ihre Zelte auf, denn sie zogen einher wie die Polovcen. Von Osten gekommen zogen sie eilends durch das große Gebirge, welches man das Ungarische nannte, und begannen die dort lebenden Volochen und Slovenen zu bekriegen. Dort saßen nämlich früher die Slovenen, und die Volochen unterwarfen das Land der Slovenen. Dann aber verjagten die Ungarn die Volochen und nahmen dies Land in Besitz und siedelten mit den Slovenen zusammen, die sie sich unterworfen hatten: und seitdem hieß das Land Ungarn. Und die Ungarn begannen die Griechen zu bekämpfen und verheerten Thrakien und Makedonien bis Thessalonich hin. Auch begannen sie die Mährer und Čechen zu bekriegen.32

Die Nestorchronik wird im Allgemeinen als glaubwürdig bezeichnet33, und es gibt keinen Grund, an dem hier Erzählten an sich zu zweifeln34.

Folgender Erzählkern ist wichtig: Die Ungarn haben, aus der Richtung von Kiew kommend, ein großes Gebirge überschritten, das vom Chronisten als das „ungarische“ bezeichnet wird, Walachen, die vorher die Slawen unterjocht hatten, verjagt, und das Land in ihren Besitz genommen.

Drei Fragen bleiben für eine Interpretation im Hinblick auf unser Thema offen:

(1) Welchen Weg haben die Ungarn genommen?

(2) Welches Land haben sie sich unterworfen?

(3) Sind die erwähnten Walachen die Vorfahren der heutigen rumänischen Bevölkerung?

ad (1)

Der kürzeste Weg von Kiew nach Pannonien führt über die Ostkarpaten, etwa in dem Abschnitt zwischen den heutigen Städten Ušgorod (Ungvár) im Nordwesten und Baia Mare im Südosten. Die Bezeichnung des Chronisten: „Ungarisches Gebirge“ ist aus der Sicht des Kiewer Reiches, aus dessen zeitlicher und örtlicher Perspektive, nur für die Karpaten zutreffend.35

ad (2)

Die wahrscheinlichste und einfachste Erklärung ist, dass sie dieses Land, welches wir auch heute Ungarn nennen, in Besitz genommen haben; genauer den östlichen Teil desselben. Es gibt keinen Grund, an Siebenbürgen zu denken.36

ad (3)

Die Lösung der Kernfrage ist die schwierigste. Robert Roesler denkt, um die Existenz einer romanischen Bevölkerung leugnen zu können, an die Franken des Karolingerreiches37. August Ludwig Schlözer hingegen meint: „Diese Wlachen Nestors sind keine andre, als die wir noch jezt allgemein Walachen nennen ... Abkömmlinge des uralten großen Völkerstamms der Thraken, Daken und Geten.“38

Betrachtet man die Aufzählung der Völker: „Varäger, Schweden, Norweger, Gotländer, Russen, Angeln, Galičanen, Volochen, Römer, Deutsche, Karolinger, Venezianer, Franken und andere“39, so stehen die Walachen neben den Franken und den anderen Völkern, und somit liegt die Annahme fern, der Chronist wollte sie mit einem dieser erwähnten identifizieren.

Der Historiograph hat die Walachen seiner Quelle, welcher Ausdruck hier auch immer verwendet worden sein mag und welches Volk er bezeichnet hat, mit den Walachen seiner Zeit, d.h. höchstwahrscheinlich mit den Rumänen, gleichgesetzt. Da es sich auch um südlich der Donau lebende Rumänen gehandelt haben kann, ist es nicht möglich, hieraus einen Beweis für ihre Existenz in Siebenbürgen im frühen 12. Jahrhundert abzuleiten.

Aus dieser Quelle allein ist die Frage (3) nicht zufriedenstellend zu lösen. – Ich gehe daher zur Behandlung der zweiten erwähnten Quelle über, um das Problem später wieder aufzugreifen.

3. Die „Gesta Hungarorum“ des anonymen Notarius König Bélas

In diesem die Herkunft und die Geschichte der Ungarn behandelnden Werk findet sich eine genauere Schilderung der in der altrussischen Chronik angedeuteten Vorgänge. Der Autor40 hat wahrscheinlich unter Béla III. (1172 – 1196) gedient und nicht, wie dies auch behauptet wird, unter Béla II. oder Béla IV.41

Um einen Eindruck von dieser Quelle vermitteln zu können, soll der lateinische Originaltext auszugsweise nacherzählt werden42:

Die Ungarn sind älter als alle anderen Völker; sie kommen aus Skythien, dem größten Land. Ihr erster König hat Magog, Sohn des Iaphet geheißen, und Attila, der Pannonien erobert hat, ist einer seiner Nachfahren. Auch Almus, Sohn des Ugek, führt seine Familie auf Magog und Attila zurück. Wegen Übervölkerung des Landes beschließen die sieben Ersten, die Hetumoger genannt werden, auszuwandern und Anspruch auf das Pannonien Attilas zu erheben. Almus wird zu ihrem Führer ewählt ...

(Kap. 8) Der Zug der Ungarn kommt nach Kiew; sie überqueren den Dnepr und wollen die „Ruthenen“ unterwerfen, doch der Kiewer Fürst ruft die „Kumanen“43 zu Hilfe. Ruthenen und Kumanen werden von den Ungarn besiegt und müssen sich in der Stadt verschanzen.

(Kap. 9) Die Ungarn belagern Kiew, und Almus schließt mit den Ruthenen und Kumanen gegen Geiselstellung und Tributgeschenke Frieden. Die Ruthenen erzählen von Pannonien, sie loben die außerordentliche Güte des Bodens, die fischreichen Flüsse Donau und Tisza (Theiß). Dort würden „Sclaui Bulgarii et Blachii ac pastores Romanorum“ (Slawen, Bulgaren, Walachen und Römerhirten) wohnen, die ihre Viehherden dort weiden ließen; daher werde Pannonien auch „pascua Romanorum“ (Römerweide) genannt ...

(Kap. 11) Die Ungarn ziehen weiter nach Lodomer und Galicia und werden überall sehr freundlich empfangen und reich beschenkt. Wiederum wird über das Land Attilas erzählt, dass es sehr gut sei und welche Flüsse es dort gäbe. Nach dem Tode Attilas hätten die „Romani principes“ (Römerfürsten) es eingenommen gehabt; jetzt säße zwischen Donau und Tisza Salanus als Herrscher über Slawen und Bulgaren, zwischen Mureș und Someș ein gewisser Menumorout, Herzog der Chasaren, südlich von diesem Herzog Glad, ein Bulgare.

(Kap. 12) Unter Mithilfe der ruthenischen Fürsten zieht Almus durch den Wald Houos44 nach Munkas (Munkačevo, Munkács) und weiter nach Hung (Ušgorod, Ungvár).

(Kap. 13) Loborcy, der Graf von Hung, der von den Einwohnern „duca“ genannt wird, muss fliehen, wird aber eingeholt und gehenkt. Sodann ziehen die Ungarn in Hung ein und feiern ein viertägiges Fest. Almus tritt zurück und setzt seinen Sohn Arpad zum Herzog ein.

... Arpad schickt nach Byhor (Biharea) zu Herzog Menumorout und verlangt von ihm die Abtretung seines Landes. Dieser lehnt ab; als jedoch das ungarische Heer kommt, unterwirft sich die Bevölkerung sogleich aus Furcht. Almus und Arpad werden mit Moses verglichen. Menumorout flieht und wagt keinen Kampf. Als Arpad dies erfährt, tafelt er aus Freude ausgiebig ...

(Kap. 24) Tuhutum, ein Untergebener Arpads, hört von den ehemaligen Untertanen Menumorouts, dass die „terra ultrasiluana“ (Siebenbürgen) ein außerordentlich fruchtbares Land sei; dort herrsche ein gewisser Gelou, ein „Blacus“ (Walache).

(Kap. 25) Der sehr gescheite Tuhutum schickt Späher aus und findet die Fruchtbarkeit und den Reichtum des siebenbürgischen Landes bestätigt. Die Einwohner, „Blasii et Sclaui“ (Walachen und Slawen) , seien die feigsten Menschen der Welt, sie hätten keine anderen Waffen als Pfeil und Bogen, ihr Fürst Gelou sei undiszipliniert und halte kein gutes Heer, wird berichtet

... Tuhutum erobert das Land, Gelou wird auf der Flucht getötet ...

(Kap. 44) ... Die Ungarn ziehen gegen das Herzogtum Glads. Dieser stellt sich ihnen am Timiș-Fluss entgegen; ihm helfen Kumanen, Bulgaren und Walachen („adiutorio Cumanorum et Bulgarorum atque Blacorum“), er wird aber erschlagen und sein Land unterworfen ...

Sodann wird von Kriegen gegen die Griechen, die Deutschen, weiters von der entgültigen Besiegung Menumorouts und vielem anderem erzählt, bis die Chronik plötzlich abbricht45.

Die Quelle erwähnt mehrmals Walachen, und zwar als Bewohner zweier verschiedener Gebiete: einmal als Ansässige in Pannonien46 neben Römerhirten, Slawen und Bulgaren (Kap. 9), zum zweiten in Siebenbürgen unter ihrem Fürsten Glad (Kap. 24, 25) und auch nach dessen Ableben (Kap. 44).

Zunächst stellt sich das Problem der Glaubwürdigkeit. Die Meinungen der Forscher sind hier sehr unterschiedlich.

Die Befürworter der Kontinuitätstheorie schätzen die Gesta Hungarorum für die Erzählungen über die Einwanderung der Ungarn in Pannonien und über die Kriege mit Gelou, Glad und Menumorout als glaubwürdig ein und sehen in der Erwähnung von Walachen einen Beleg für die Priorität der urrumänischen Bevölkerung vor den ungarischen Eindringlingen47. Die den gegensätzlichen Standpunkt vertretenden Forscher billigen dem Werk des Notarius keinen Wert als historische Quelle zu48.

Tatsächlich ist der sehr belesene Autor – etwa zwanzig, heute größtenteils verlorene Quellen sind nachgewiesen worden – mit seinen Vorlagen sorglos umgegangen und hat sich auch für damalige Begriffe große Freiheiten in der Interpretation herausgenommen49. Quellenkritik dürfte er bei den ihm gleichfalls bekannt gewesenen Sagen und Liedern, die mündlich tradiert worden sind, geübt haben50.

Meiner Meinung nach gibt es an manchen Stellen des Werks verdeckte Hinweise auf solche Traditionen, die vom christlich geprägten Autor von ihren abergläubischen, heidnischen Elementen gereinigt worden sind51. Beispielsweise ist dies beim 13. Kapitel, das eine Zäsur darstellt, der Fall. Es ist auffällig kurz gehalten, obwohl die Einnahme der Burg Hung als Symbol für die Besitzergreifung Pannoniens zu sehen ist und hier die Namensgebung „Hunguari“ nach diesem Ort erfolgt. Das erwähnte viertägige Festessen kann mit dem magischen „Ersten Mahl in einem eroberten Land“ identifiziert werden. Die Person des Loborcy, auch Duca genannt,52 mag die alte Herrschaft repräsentieren, die mit dessen Ermordung untergegangen ist. Der Inhalt der wohl anzunehmenden Auslassungen kann nicht mehr erschlossen werden; das Überlieferte ist allerdings in seiner Glaubwürdigkeit nicht zu unterschätzen.53

Der Forscher C. A. Macartney hat Studien über die frühen ungarischen Geschichtswerke angestellt und konnte auch bei den „Gesta Hungarorum“ die Verfahrensweise des Notarius bei einer Anzahl von Stellen erklären und der hinter seinen Schilderungen verborgenen historischen Wahrheit auf die Spur kommen.

Die vordergründig unzweifelhafteste Erwähnung von Walachen (Kap. 25) ist jene in der Tuhutum – Episode, wo sie als Einwohner Siebenbürgens in der Zeit vor der Eroberung durch die Ungarn erscheinen. “He describes the Vlachs in terms which make it unreasonable to suppose that he means thereby anything but Roumanians”54.

Die Grundlage der Geschichte Tuhutums ist eine Legende aus dem Umfeld einer Familie, die den Titel eines Gyulas trug; die Taten des ersten Gyulas, der Siebenbürgen für die Ungarn entdeckt hat, werden seinem Vorfahren Tuhutum zugeschrieben, eine für den Notarius übliche Vorgangsweise. Die Schilderung der Walachen dürfte eine Entlehnung aus einer, der Form „Blasii“ nach zu schließen, westeuropäischen Quelle sein. Für den Namen des Walachenfürsten Gelou findet C. A. Macartney keine Erklärung. Wahrscheinlich war in der Gyula-Legende sowohl Gelou als auch die Nennung der Walachen enthalten, und zwar seit dem 11. Jahrhundert.55

Die Erwähnung von Kumanen, Bulgaren und Walachen (Kap. 44) gehört dem späten 12. Jahrhundert an, da diese Völker nur dann, während des zweiten Bulgarischen Reiches, in dieser Zusammenstellung genannt werden.56

Die Datierung der ersten Erwähnung einer rumänischen Bevölkerung in Siebenbürgen für das 11. Jahrhundert wird noch durch den Umstand unterstützt, dass zur Zeit des Notarius, im späten 12. Jahrhundert, die Walachen als seit langem dort ansässig gelten. Dies berechtigt zur Annahme des Jahres 1050 als spätest möglichen Zeitpunkt der Beendigung einer hypothetisch angenommenen Einwanderungsbewegung.

Weiters finden wir Walachen neben Römerhirten, Slawen und Bulgaren als Einwohner Pannoniens in einer dem Kiewer Fürsten in den Mund gelegten Schilderung des Landes (Kap. 9).

C. A. Macartney meint, die Einwohnerliste Pannoniens habe der Notarius aus verschiedenen Quellen kompiliert, wobei „Sclaui Bulgarii“ aus der einen, „Blachi ac pastores Romanorum“ aus der anderen Quelle bzw. Quellengruppe stamme. Die „Römer“, die auch im Kapitel 11 vorkommen, seien in Wirklichkeit die romanischen Einwohner Dalmatiens, und der Notarius transferiere hier Ereignisse aus der Awarenzeit, welches Volk er mit dem Attilas identifiziere, in die Zeit der ungarischen Landnahme. Die Römerhirten setze er mit den Walachen seiner Zeit gleich. Daher könne diese Stelle nicht als Beweis für die Anwesenheit von Urrumänen gewertet werden.57

Allerdings zeigt die Loborcy-Episode, laut C. A. Macartney „based on some local traditions of uncertain date“58, meinen Vermutungen nach sehr alt, durch die Erwähnung des slawischen Titels Loborcy und des romanischen „Duca“, dass neben Slawen auch Romanen in Pannonien ansässig waren.59 Diese Annahme deckt sich mit den Völkerlisten in Kapitel 9 und 11, und es ist doch möglich, dass diese Tradition auf historischer Wahrheit beruht. So ist auch die Äußerung Schünemanns60, der Notarius folge hier dem parallelistischen Sprachstil der Vulgata und setze hier jeweils zwei gleichartige Völker nebeneinander, zu verstehen. Die Ungarn sind bei ihrem Eindringen in Pannonien mit größter Wahrscheinlichkeit nur auf ein romanisches Volk, die „pastores Romanorum“ bzw. „Römerhirten“, gestoßen.

Die Frage lautet nun, ob diese Römerhirten mit urrumänischen Völkerschaften, die vielleicht von den Karpaten herabgestiegen und slawische Stämme unterworfen haben, gleichgesetzt werden können.

4. Die Frage der „pastores Romanorum“

Dieser Ausdruck „pastores“ oder auch „pascua Romanorum“ (Römerweide) scheint ein sehr alter zu sein, der vornehmlich in frühen ungarischen und von solchen abhängigen Quellen häufiger vorkommt.61

In diesem Zusammenhang von Interesse ist eine Stelle der Descriptio Europae Orientalis, die etwa im Jahre 1308 von einem Anonymus, wahrscheinlich einem Kleriker aus Frankreich, verfasst worden ist62:

Notandum [est hic] quod inter machedoniam, achayam et thesalonicam est quidam populus ualde magnus et spaciosus qui uocantur blazi, qui et olim fuerunt romanorum pastores, ac in vngaria ubi erant pascua romanorum propter nimiam terre uiriditatem et fertilitatem olim morabantur. Sed tandem ab ungaris inde expulsi, ad partes illas fugierunt ...63

Hier ist zu bemerken, dass zwischen Mazedonien, Achaia und Thessaloniki ein sehr großes und weitläufiges Volk wohnt, das Walachen heißt, die auch einst Römerhirten waren und in Ungarn, wo die Römerweiden waren, wegen der außerordentlichen Frische und Fruchtbarkeit des Bodens einst weilten. Und, einst von den Ungarn dort vertrieben, flohen sie in jene Gegenden ...

Für die Descriptio und das Werk des Notarius wurde eine gemeinsame, heute verlorene Urquelle, die bis zum Jahre 1072 reichende +Gesta Ungarorum in ihrer Fortsetzung bis 1127, erschlossen. In dieser waren die typischen Ausdrücke „pastores“ und „pascua Romanorum“ bereits enthalten. Beide Autoren, der Notarius und der Anonymus, identifizieren die Römerhirten mit den Walachen ihrer Zeit, der eine mit jenen aus Siebenbürgen, der andere mit jenen vom Balkan.64

Die Tradition der Römerhirten als Einwohner der Gebiete des nachmaligen Ungarn reicht daher mindestens bis in die Mitte des 12. Jahrhunderts zurück65.

Nun nimmt auch der Autor der Nestorchronik oder bereits seine Quelle bzw. eine Vorläuferin dieser eine gleichartige Identifizierung vor. Als Urausdruck sei hier gleichfalls hypothetisch der Terminus „Römerhirten“ angenommen.

Man vergleiche zunächst das Handlungsgerüst der Wanderungen der Ungarn in den drei Quellen:

Nestorchronik Notarius Descriptio
Die Ungarn kommen von Osten und ziehen an Kiew vorbei, Die Ungarn kommen aus Skythien, belagern Kiew, Walachen sind von den Ungarn vertrieben worden
ziehen durch das „Ungarische Gebirge“, ziehen nach Lodomer und Galicia, dann durch den Wald Houos nach Munkas und Hung,
erjagen die „Walachen“ (=Römerhirten), die vorher die Slawen unterjocht hatten, ermorden Loborcy / Duca (Slawen und Römerhirten)66
unterwerfen sich das Land, und seitdem wird es Ungarn genannt, erobern Hung und erhalten den Namen Hunguari (vgl. hier oben S. 17)
verheeren Makedonien bis Thessalonich hin kriegen gegen Griechen, Deutsche usw.

Es scheint, als habe es eine Tradition gegeben, die vom Autor der Nestorchronik mit dürren Worten nacherzählt worden ist, während der Notarius eine Anreicherung aus einer Vielzahl anderer Quellen vornimmt. Die Ansicht, beide Quellen seien voneinander unabhängig67, ist weniger wahrscheinlich. Ein hypothetischer Quellenstammbaum sei versucht:68

Die Meinung, der Autor der Nestorchronik vertrete in der Identifizierung der Walachen eine ähnliche Ansicht wie der Notar bzw. mache den gleichen Fehler wie dieser; die Walachen seien die Römer des Altertums,69 ist zwar nicht zu widerlegen, aber doch weniger wahrscheinlich als die Annahme einer hypothetischen +Paläo-Gesta aus der Zeit vor 1100.

Diese wird wahrscheinlich den älteren Ausdruck der Römerhirten enthalten haben.

Der Name „Walachen“ für die Rumänen, der auch andere Völkerschaften, Wanderhirten u.v.a.m. bezeichnen kann, ist erst seit der Mitte des 10. Jahrhunderts von den Slawen ausgegangen70, kann daher in der Überlieferung nicht bodenständig sein und muss erst später, vielleicht erst nach 1000, in sie eingedrungen sein. Somit stellt sich das lebhaft diskutierte Problem der ethnischen Zuweisung dieses Ausdrucks nicht71.

Vielmehr ist zu untersuchen, ob das mit „pastores Romanorum“ bezeichnete Volk und die Vorfahren der heutigen Rumänen ein und dasselbe Ethnikon gewesen sind.

Mit Sicherheit handelt es sich um ein romanisches Volk. Neben der explikativen Bestimmung „Romanorum“ deutet auch der Titel oder Name „Duca“ darauf hin, der auf lat. dux, ducis zurückzuführen ist. Vielleicht hat sich das Volk sogar selbst als +Romani bezeichnet, denn das heutige „români72, mit welchem Ausdruck sich die Rumänen bezeichnen, dürfte in der Variante rumâni direkt von lat. romanus hergeleitet sein.73 Allerdings ist letzteres wegen des hypothetischen Charakters der hier angestellten Behauptungen wohl nicht einmal als Indiz zu werten.74

Als zweites romanisches Volk kommen die römischen bzw. romanischen Einwohner Pannoniens, die noch in der Zeit Attilas belegt sind75, in Betracht. Diese könnten ebenfalls bis in die letzten Jahre des 9. Jahrhunderts weitergelebt haben.

Hier von heutiger Warte eine Entscheidung herbeizuführen, ist nicht möglich. Die damals erst im Entstehen begriffenen romanischen Sprachen waren vom Lateinischen noch nicht allzu weit entfernt76. Die Bezeichnung „Romanorum“ kann wegen der leichten Erkennbarkeit der Verwandtschaft zur lateinischen Sprache von den damaligen Gelehrten adaptiert worden sein, ohne dass es sich um „Rumänen“ gehandelt haben muss.

Das Zeugnis der Nestorchronik, nach welchem die Pseudo-Walachen eingewandert seien und sich die Slawen untertan gemacht hätten, würde eher für die Deutung als Urrumänen sprechen. Wegen der unsicheren Überlieferung wage ich aber nicht, dies als Beweis anzuerkennen.

Aus den historischen Quellen kann daher für die Zeit um 900 kein Beweis für die Priorität vor den Ungarn in Pannonien gewonnen werden, wenngleich doch manches für die Anwesenheit von Protorumänen zu sprechen scheint. Mit hoher Wahrscheinlichkeit kann in Siebenbürgen eine rumänische Bevölkerung ab dem Jahr 1050 angenommen werden.77