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Einleitung

Eine der wichtigsten, zugleich aber der umstrittensten Fragen in der heutigen Geschichtsschreibung über das Gebiet des Staates Rumänien ist die der Bodenständigkeit der rumänischen Bevölkerung. Mit ihrer Lösung wurden politische Forderungen und die Legitimierung der Herrschaft besonders in Bezug auf Siebenbürgen verknüpft. Obgleich diesen Momenten noch immer Gewicht beigemessen wird, kann die Beschäftigung mit diesem Problem allein von wissenschaftlichem Interesse getragen werden; doch auch hier ist dieses Land der am meisten diskutierte Teil der heutigen R.S.R.

Zwei im Widerspruch stehende grundsätzliche Anschauungen werden vertreten:

Von den Anhängern der Kontinuitätstheorie, des rumänischen Standpunktes, wird behauptet, die seit Urzeiten in diesem Gebiet ansässigen Stämme, die mit dem Sammelbegriff Daker bezeichnet werden, hätten nach der Eroberung ihres Gebietes und der Errichtung der römischen Provinz Dazien1 durch Kaiser Traian (nach den beiden Kriegen der Jahre 101-102 und 105-106 n. Chr.) unter den Römern weiter gelebt und wären romanisiert worden. Diese sogenannten Dakoromanen seien auch nach der Aufgabe der Provinz unter Aurelian (etwa 271-275)2 nicht in Gebiete südlich der Donau abgezogen, sondern wären überwiegend in ihrer Urheimat geblieben. Auch während der Völkerwanderung und in späteren Zeiten hätte diese autochthone Bevölkerung allen Assimilierungsbestrebungen, kriegerischen Auseinandersetzungen etc. getrotzt und wäre so als das seit der Vorzeit bodenständige Hauptelement des rumänischen Volkes zu betrachten.

Die Gegner dieser Theorie vertreten die Meinung, einerseits seien die Daker von den Römern ausgerottet bzw. vertrieben worden, andererseits sei die Provinzbevölkerung unter Aurelian in südlich der Donau gelegene Gebiete gezogen. Von hier aus seien zu einem späteren Zeitpunkt, vielleicht erst im 12. oder 13. Jahrhundert, die nunmehrigen Rumänen in das heute von ihnen bewohnte Territorium eingesickert. Die Vertreter dieser Ansicht werden von der rumänischen Seite mit dem Begriff Roeslerianer (nach dem Wissenschaftler Robert Roesler, einema Hauptrepräsentanten dieser Theorie im 19. Jahrhundert) bezeichnet.

In dieser Arbeit wird auf letztere Ansicht nicht eingegangen.

Lediglich jene Argumente, die als Beweise für die Kontinuitätstheorie von rumänischer Seite vorgebracht werden, sollen Berücksichtigung finden. Die wichtigsten von ihnen werden aufgezählt und einer Überprüfung unterzogen, und die Kernfrage lautet daher: Kann die Kontinuität der rumänischen Bevölkerung in Siebenbürgen seit der Zeit vor der Eroberung durch Traian bis heute bewiesen werden?

Auf Grund dieser einseitigen Betrachtungsweise ist der Versuch, die Kontinuitätsfrage in der einen oder anderen Richtung zu lösen, hier nicht legitim und kann auch nicht erwartet werden. Auch besitzt das hier Gesagte wegen der geographischen Einschränkung nicht pauschal für das gesamte Territorium der R.S.R. Gültigkeit.

Gegliedert ist der Stoff in drei Hauptabschnitte, in deren Rahmen die Beweise in chronologischer Reihenfolge aufscheinen. Zuerst wird jeweils die dakische Kontinuität unter der Römerherrschaft behandelt, dann die Beweise für die dakoromanische Kontinuität der Zeit nach dem Abzug unter Aurelian.

Die sehr umfangreiche Literatur konnte nicht in ihrer Gesamtheit berücksichtigt werden. Das Hauptgewicht wurde auf neuere in Rumänien erschienene Werke gelegt.

Das Problem der Ortsnamenschreibung wurde folgendermaßen gelöst: Geographische Bezeichnungen innerhalb Rumäniens scheinen grundsätzlich in ihrer rumänischsprachigen Form auf, um eine leichte Auffindung auf modernen Landkarten zu ermöglichen. Manche wichtige Begriffe wurden mit einer lautlichen Umschrift versehen, deren Regeln im Hauptabschnitt III in Fußnote 244 (S. 63) aufscheinen. Für Orte außerhalb Rumäniens wurde die Bezeichnung in der jeweiligen Landessprache bzw. in der international gültigen Umschrift gewählt. In jedem Fall sind im deutschen Sprachraum sehr geläufige geographische Namen in der hier üblichen deutschen Form wiedergegeben.

Der Begriff Siebenbürgen bezeichnet nur das Gebiet zwischen dem Karpatenbogen und den Munții Apuseni, dem Erzgebirge, während mit „Transsilvanien“ großräumiger der westliche Teil der heutigen R.S.R. benannt wird.3