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II. Archäologische Beweise

1. Die dakische Kontinuität in der römischen Provinz

Das archäologische Erscheinungsbild der Kultur der autochthonen Bevölkerung Transsilvaniens aus der Zeit des Dakischen Staates, der letzten Periode vor den Römerkriegen und der Errichtung der Provinz Dazien (106 n. Chr.)78 ist durch zahlreiche Funde bekannt und gesichert. Es entspricht der späten Latènezeit, welche hier gegenüber anderen Gegenden hundert Jahre länger andauert79.

Das Fortdauern von Elementen dieser vorrömischen Kultur in der römischen Provinz ist durch archäologische Funde nachgewiesen und beweist das Weiterleben von alteingesessener Bevölkerung unter den Römern.

Als Kulturzeugen für unsere Betrachtungen relevant sind in erster Linie Funde dakischer Keramik.

Ihre typischen Vertreter sind einerseits die charakteristischen, aus grobem, unreinem Ton gebrannten henkellosen, flachbödigen Töpfe; andererseits der Typus der sogenannten „Dakischen Tasse“, einem kleinen, relativ weit ausladenden, meist mit einem oder zwei Henkeln versehenen, in der Form einer modernen Kaffeetasse nicht unähnlichen Gefäß, das als Öllampe und wahrscheinlich auch beim Totenritus Verwendung fand. – Vornehmlich die Töpfe sind mit tupfenförmigen Einbuchtungen (Alveolen) oder mit Einschnitten versehenen Bändern, Einritzungen, knopfförmigen Applikationen etc. verziert.80

Die hier beschriebenen Gefäßtypen sind für uns wegen ihrer Unverwechselbarkeit und Ursprünglichkeit in der dakischen Kultur81 interessant. Sie wurden an Ort und Stelle im Haushalt erzeugt82; ein weiträumiger Handel mit diesen billigen, einfachen Waren ist selbstverständlich auszuschließen, so dass wir den Fundort stets in etwa mit dem Lebensraum der Kulturträger gleichsetzen können.83

Oft sind Funde von Keramik mit der Entdeckung von Gräbern bzw. Friedhöfen verknüpft. Auch der Ritus der Totenbestattung lässt vielfach Rückschlüsse auf die ethnische Zugehörigkeit des Begrabenen zu.

In der erwähnten Epoche des Dakischen Staates pflegten die Daker (wie auch z.B. die Kelten und die Illyrer) allgemein die Brandbestattung. Körperbestattungen blieben die Ausnahme, in der Regel wurden nur Kinder auf diese Art beigesetzt.84

Dumitru Protase85 teilt die Brandbestattungen zunächst nach dem Ort der Totenverbrennung in zwei Hauptgruppen ein: bei der ersten ist die Einäscherung am Grab selbst erfolgt, bei der zweiten – zahlenmäßig weitaus größeren – an einer anderen Stelle, dem ustrinum. Letzterer Typ zerfällt in zwei Untergruppen: die Asche ist entweder in einem Gefäß beigesetzt oder – seltener – nur in einer Grube. Bei allen genannten Arten lassen sich noch genauere Unterscheidungen, z.B. nach Form der Bestattungsgrube, finden.

Das wohl beste Beispiel für ein Weiterleben bodenständiger Keramikformen und Bestattungsarten in der römischen Provinz ist der Friedhof von Soporu de Cîmpie86.

Dieses dakoromanische Bestattungsfeld87 befindet sich etwa 2 km südöstlich des rumänischen Dorfes, östlich der Verbindungslinie Turda – Cluj (Klausenburg). Nach der Entdeckung im Jahre 1955 wurde es von 1956 bis 1961 zur Gänze erforscht; 193 Gräber, davon 189 aus der Zeit der Provinz, wurden gefunden.88

Auch historisch gesehen ist die Lage als abgelegen, ländlich zu bezeichnen; dennoch bestanden kulturelle und ökonomische Beziehungen zu den Zentren der Provinz. – Die Belegung hat, den Münz- und Beigabenfunden nach datiert, in der Regierungszeit des Kaisers Antoninus Pius (138 – 161) oder seines Nachfolgers Marcus Aurelianus (161 – 180) begonnen und während der ganzen Zeit der römischen Herrschaft, vielleicht noch etwas länger, angedauert.89

Die gefundene Keramik (Urnen, Urnendeckel, beim Totenmahl rituell zerschlagene Gefäße etc.) kann in drei Typen römischer Herkunft und eine Gruppe von Gefäßen dakischer Machart eingeteilt werden. Letztere wurde in 62 Gräbern, also in etwa einem Drittel, festgestellt; in 45 Fällen zusammen mit römischer Keramik, in 17 Fällen allein.90

So enthielt das Grab Nr. 6 eine henkel- und schmucklose Urne aschbrauner Farbe und römischer Machart, zur Hälfte mit Kohle und Totenasche angefüllt. Als Beigabe wurde ein römischer Glasbecher gefunden. Das Gefäß war mit einem zweihenkeligen Gefäß des Typs der Dakischen Tasse verschlossen, das als Deckel verwendet worden ist. – Die Urne und der Glasbecher erlauben die Datierung in römische Zeit, während die Dakische Tasse auf die ethnische Zugehörigkeit des Bestatteten hinweist.91

Auch der Bestattungsritus entspricht genau den dakischen Gepflogenheiten: ausschließlich der ustrinum-Typus ist vertreten, die Art der Beisetzung der Asche in einer Urne überwiegt. Dieser Typus hat Parallelen sowohl in der späten Latènezeit (Wietenberg-Kultur) als auch gleichzeitig in der römischen Provinz (Funde von Lechința, Sîntana etc.) als auch außerhalb (z.B. Poienești), wo sie den sogenannten „freien Dakern“92 zugeschrieben werden. – Nur 21 Gräber mit Körperbestattung (=12,5 %), ausschließlich von Kindern bis zum Alter von sieben Jahren, wurden gefunden. Als Beispiel sei das Grab Nr. 29 genannt, in dem neben Bruchstücken römischer Keramik auch solche handgearbeiteter und mit Bändern und Knöpfen verzierter von dakischem Typus gefunden wurde. Die Körperbestattung ist somit gleichzeitig mit allen anderen Gräbern zu datieren und spricht für das Fortbestehen des erwähnten archaischen Begräbnisbrauches der Daker.93

Andererseits ist die griechisch-römische Sitte der Beigabe eines Charonspfennigs an fünf Bestattungen nachweisbar. Dieser Umstand spricht für eine relativ weitgehende Beeinflussung durch römische Sitten.94

Auch dakische Siedlungen aus der Römerzeit wurden entdeckt, wie etwa jene bei Ocna Sibiului, nordwestlich von Sibiu (Hermannstadt) gelegen. Die Forschungen der Jahre 1963 bis 1965 brachten Keramikbruchstücke zum Vorschein, die in zwei Kategorien: dakisch und provinzialrömisch eingeteilt werden können. Da beide derselben Schicht angehören und der Ort vor der Zeit der Provinz nicht von Dakern besiedelt gewesen ist, ist eine Datierung in die Herrschaftszeit der Römer zwingend. Auf Grund der typischen handgearbeiteten Gefäßbruchstücke kann die ethnische Zuweisung gesichert werden.95

Auch in die römische Sphäre drangen dakische Elemente ein. Im Castrum bei Gilău96 nahe Cluj (Klausenburg) wurden unter Fragmenten römischer Keramik auch solche bodenständiger Herstellung mit typischen Ornamentelemente gefunden.97

Möglicherweise sind auch gewisse Züge der provinzialrömischen Keramik Daziens auf traditionelle dakische Einflüsse zurückzuführen.98

– Die hier aufgeführten Funde von Keramik und Bestattungen99 beweisen das Zusammenleben von Dakern und Römern in der Provinz. Beide Kultursphären beeinflussen einander wechselseitig. Das autochthone Element lebt vornehmlich in ländlichen Gegenden weiter: „Man stellt fest, dass der autochthonen Bevölkerung der Daker ein betonter Konservativismus eigen war“100. In der Umgebung von römischen Zentren, z.B. Städten, wird eine frühe und weitreichende Romanisierung angenommen.101

2. Die dakoromanische Kontinuität im städtischen Bereich

Das Problem der dakoromanischen Kontinuität kann nicht pauschal für das ganze Gebiet der ehemaligen römischen Provinz behandelt werden, sondern eine Teilung in ländliche Gebiete einerseits und ehemalige Zentren (Städte, Castra, Gutshöfe usw.) andererseits ist erforderlich.102

Im städtischen Bereich fehlen solide ausgeführte Bauwerke sowie Inschriften aus der Zeit nach der aurelianischen Räumung. Mit primitiven Mitteln ausgeführte Umbauten in den verfallenden Gebäuden dürften von der verelendeten Restbevölkerung vorgenommen worden sein, um sie den geänderten Lebensbedingungen anzupassen. Eindeutig lässt sich die Besiedlungskontinuität am Fortbestehen des römischen Bestattungsbrauches nachweisen, bis die Städte als Folge des Hunneneinfalls (376) endgültig verlassen werden.103

Der in diesen rund hundert Jahren von der Stadtbevölkerung geübte Bestattungstypus ist der der Körperbestattung, wie er zu dieser Zeit auch im römischen Reich und in den süddanubianischen Provinzen auftritt. – Meist handelt es sich um Ziegelgräber: aus Mauer- oder Dachziegeln wurde im Erdboden ein kistenförmiger Sarkophag geschaffen. Auch aus Spolien gefertigte Steingräber treten auf, während reine Erdgräber sehr selten sind.104

Außer typisch römischen Elementen im Grabbrauch und Inventar haben wir in keinem Fall nähere Bestimmungsmöglichkeiten in Bezug auf die ethnische Zugehörigkeit des jeweiligen Bestatteten. Daher kann es sich gleichermaßen um einen römischen Kolonisten oder um einen vollständig romanisierten Daker handeln105; Dumitru Protase meint, es handle sich bei diesen spätrömischen Gräbern um Bestattungen von Personen provinzialrömischer Herkunft106. Das dakische Element ist jedenfalls nicht nachweisbar und dürfte, wenn überhaupt vorhanden, in der städtischen Bevölkerung in sehr geringem Umfang vertreten gewesen sein.

Problematisch und oft zweifelhaft ist die Datierung in spätrömische Zeit, d.h. nach 275, da der römische Bestattungsbrauch aus der Zeit der Provinz ziemlich unverändert fortgeführt wird.

Indizien für die zeitliche Einordnung der Funde können aus Vergleichen mit solchen aus dem Imperium Romanum gewonnen werden, wo der Bestattungsbrauch im 4. Jahrhundert gewisse geringe Veränderungen erfahren hat. Die Stadtbevölkerung aus der ehemaligen Provinz Dazien hat augenscheinlich kulturelle Beziehungen zum Römischen Reich unterhalten und so auch die meist im christlichen Glauben wurzelnden Neuerungen des Bestattungsbrauches übernommen. Neben christlichen Merkmalen, wie west-östliche Ausrichtung, typische Symbolik am Grabmal, Beigabenarmut und vielleicht der Brauch, den Boden mit Kalk zu bestreuen, sind die Verwendung älterer Bauteile und überhaupt der improvisierte Charakter der Sarkophage Hinweise für die späte Datierung. Seltener ermöglichen Beigaben, wie Münzen, einen zuverlässigen terminus post quem.107

In Alba Iulia (Karlsburg), dem antiken Apulum, hat Adalbert Cserni schon um die Jahrhundertwende [1900] Gräber aus dem Jahrhundert nach der aurelianischen Räumung gefunden. Leider ist der Forscher über seiner Arbeit verstorben und hat nur unzusammenhängende und unvollständige Aufzeichnungen hinterlassen. Erst Kurt Horedt hat die Ordnung und Bewertung des wissenschaftlichen Nachlasses besorgt und die Ergebnisse im Jahre 1958 publiziert.108

Bei Ausgrabungen im antiken Stadtzentrum hat Cserni in Gräbern Armreifen, Perlen, Ringe usw. gefunden, die auf Grund von Analogien zu aus Pannonien stammenden Funden als völkerwanderungszeitlich datiert werden können. Als Grabinventar eindeutig bezeichnet sind zwei Bronzemünzen aus der Zeit Konstantins des Großen (Inv.-Nr. 8073/74), die zuverlässig den terminus post quem festlegen. Auf Grund der Lückenhaftigkeit der Manuskripte Csernis ist eine Zuordnung des beschriebenen und teilweise auch erhaltenen Fundmaterials zum jeweiligen Grab bzw. Fundort in den meisten Fällen allerdings nicht möglich.109

Auch in den Ruinen der Thermen hat der Forscher ein Ziegelgrab entdeckt und dieses beschrieben. Weiters stammen zahlreiche Münzen aus der Zeit von der Regierungszeit Kaiser Diokletians bis zu der Gratians (d.h. 284-383) von diesem Ausgrabungsplatz. Diese dürften Inventarmünzen von in späteren Zeiten gestörten spätrömischen Bestattungen sein, welche von der Restbevölkerung in den offensichtlich nicht mehr benützten Bädern angelegt worden sind.110

In Cluj (Klausenburg), dem antiken Napoca, wurde in der Strada Plugarilor („Bauernstraße“) im Jahre 1933 bei Kanalisationsarbeiten eine Gruppe von fünf spätrömischen Steingräbern gefunden. Sämtliche waren west-östlich ausgerichtet, beigabenlos, und der Boden war bei jedem mit einer dicken Kalkschicht bedeckt. Diese Indizien sprechen für den christlichen Charakter der Beisetzungen und somit für die späte Datierung.111

Auch in der Petöfi-Straße wurden aus alten Grabmälern gefügte Sarkophage mit für das 4. Jahrhundert typischem Grabinventar aufgedeckt.112

Vergleichbare Funde wurden in oder nahe von Turda, Sarmisegethusa, beim Castrum nahe Gherla usw. gemacht.113

Wie bereits erwähnt, handelt es sich bei den hier beschriebenen Funden wahrscheinlich um Bestattungen von Römern, weshalb der Begriff „dakoromanisch“ hier eigentlich nicht Anwendung finden sollte. Er kann eher bei der Betrachtung der Kontinuität in ländlichen Gegenden verwendet werden, da dort der eigentliche Lebensraum der alteingesessenen dakischen Bevölkerung, die dem Romanisierungsprozess unterworfen war, zu suchen ist114.

Für etwa hundert Jahre nach dem aurelianischen Abzug ist die Kontinuität einer provinzialrömischen Bevölkerung in den Städten erwiesen. Dies widerlegt die Behauptung, die Räumung der Provinz sei eine vollständige gewesen.

3. Das Problem der dakoromanischen Kontinuität im ländlichen Bereich

Haben die Forschungen für die Entwicklung der ehemalige Provinzstädte relativ eindeutige Aussagen erbracht, so trifft dies für die Untersuchungen von ländlichen Gebieten nicht zu. Da hier, auch in Bezug auf die Bestattungsarten, keine homogene und systematisierbare Kultur vorliegt, muss jeder Fund isoliert betrachtet werden115. Daher ist die von der rumänischen Forschung getroffene Einteilung der Kultur der (angenommenen?) dakoromanischen Bevölkerung in die Phasen Bratei, Ipotești-Cîndești116 und Dridu a priori nur in zeitlicher Hinsicht gerechtfertigt117.

Zum Problem der Datierung tritt die viel schwierigere, ja oft unmöglich mit Sicherheit zu lösende Frage der ethnischen Zuordnung. Bestehen diese Schwierigkeiten schon bei der Beurteilung von Bestattungsfunden, werden sie bei der Behandlung von Siedlungsspuren kaum mehr lösbar. Im Folgenden soll daher nur die erste Kategorie betrachtet werden.

Für die erste Phase der behaupteten dakoromanischen Kontinuität wird das namensgebende Grabfeld als Beispiel stets an erster Stelle genannt. Dies ist der sogenannte „Friedhof Nr. 1”118 von Bratei. Bei dieser 6 km von Mediaș entfernten Ortschaft wurde im Jahre 1958 in einer kommerziell genutzten Sandgrube zufällig ein Friedhof mit Brandbestattungen entdeckt. Mindestens 100 Gräber waren bereits zerstört worden, als die wissenschaftlichen Arbeiten einsetzten. Nachdem 353 Bestattungen erfasst werden konnten, wurde im Frühjahr 1970 den Ausgrabungen durch den Fortschritt der Sandförderung ein Ende gesetzt.119

Obwohl im Rahmen einer Notgrabung erforscht, sind Irrtümer in der Zuordnung von Fundstücken ausgeschlossen, da am Ausgrabungsort nur eine einzige Kulturschicht, nämlich die des Friedhofs, existierte.120

Nur Brandbestattungen wurden festgestellt, wobei zwei Haupttypen unterschieden werden: bei 270 Gräbern weisen die Seitenwände der Bestattungsgrube Spuren von Feuereinwirkung auf, bei 78 konnte dies nicht festgestellt werden (5 weiter Gräber gehören Sonderformen an). Ein Grab aus der ersten Kategorie (Nr. 183) weist eindeutig die Form eines Kreuzes auf.121

Die Beisetzung der Totenasche erfolgte in keinem Fall in einer Urne, sondern sie wurde geradezu sorglos, vermengt mit Beigaben und den Resten von Opfertieren, in einer Mulde vergraben. Keramik wurde nur in Bruchstücken gefunden, wobei die Scherben aus einem Grab stets zu verschiedenen Gefäßen gehören und sich nicht zu einem ganzen zusammensetzen lassen. Römische Formen, wie Amphoren, typische Vorratsgefäße usw. überwiegen, doch fanden sich Bruchstücke von handgearbeiteter Keramik in fast jedem Grab. Als dakisch beeinflusst kann ein archaisch wirkendes Vorratsgefäß und ein henkelloses Schüsselchen, ein später Repräsentant des Typs der Dakischen Tasse, bezeichnet werden.122

Die Zeit der Belegung des Friedhofs kann mit hoher Sicherheit auf Grund der Beigaben, wie Münzen, Fibeln, Kämmen aus Bein etc. bestimmt werden. Sie fällt ins 4. Jahrhundert; der Beginn fällt erst in nachaurelianische Zeit, vielleicht endigt sie erst im 5. Jahrhundert.123

Schwieriger und wissenschaftlich umstritten ist die ethnische Zuweisung.

Ligia Bîrzu bedauert den Mangel an wissenschaftlichen Arbeiten über provinzialrömische Keramik, sie vermag daher keine Entwicklung von dakischen zu dakoromanischen Formen und deren Weiterleben aufzuzeigen oder Verbindungen zur römischen Keramik aus der Zeit der Provinz herzustellen. Die Forscherin versucht daher, Unterschiede zur Tschernjachow-Sîntana de Mureș-Kultur, die den Goten zugeschrieben wird124, zu finden und herauszustreichen. Nach Aussonderung der Goten bliebe als einzige Möglichkeit die Zuweisung an die dakoromanische Bevölkerung. Auch die Bestattungsart bezeichnet Ligia Bîrzu als nicht für die Goten typisch. Die Totenverbrennung sei nicht am Grab erfolgt (ustrinum-Typus), die bei vielen Gruben festgestellten Brandspuren rührten von dem für die Illyrer auf der Balkanhalbinsel typischen Brauch der rituellen Reinigung der Bestattungsgrube durch Feuer her. Auf Grund der beiden Grabtypen schließt die Forscherin auf zwei ethnische Gruppen: Dakoromanen und illyrische Kolonisten. Im Laufe des 4. Jahrhunderts seien diese zu einer ethnischen Einheit verschmolzen.125

Dumitru Protase hingegen unterstreicht die Verwandtschaft der Keramik mit jener der Tschernjachow-Sîntanta de Mureș-Kultur126. Später schließt er sich der Meinung Ligia Bîrzus teilweise an und schreibt den gegenständlichen Friedhof einer Mischbevölkerung aus illyro-pannonischen Kolonen und romanisierten Dakern, die aus anderen Teilen der ehemaligen Provinz zugewandert und noch nicht christianisiert seien, zu. Die Unterschiede zur Kultur der freien Daker und der der germanischen Stämme werden betont.127

Dumitru Berciu sieht in der Kultur des Friedhofs Nr. 1 das Einwirken von freien Dakern, der dominierende Träger sei allerdings der romanische Faktor. Gemeint ist wohl die Zuschreibung an eine Mischbevölkerung aus Dakoromanen und Dakern.128

Kurt Horedt teilt diese Ansichten nicht. Er beweist mit völkerkundlichen Analogien aus heutiger Zeit, dass kein Grund besteht, als Ursache für die Brandspuren an den Rändern der meisten Grabgruben eine rituelle Reinigung durch Feuer zu sehen; die Einäscherung ist daher tatsächlich am Grab selbst erfolgt. Daher kann auf zwei ethnische Gruppen nicht geschlossen werden, und es ist nicht möglich, illyrische Elemente anzunehmen. Die Beigaben weisen neben dakischen, karpischen und römischen Komponenten auch Tschernjachow-Sîntana de Mureș-Einflüsse auf und deuten auf Grund von erstaunlichen Übereinstimmungen auf die Sf. Gheorghe-Kultur129 aus Ostsiebenbürgen. Träger dieser Kultur sind nach Meinung Kurt Horedts den Flusslauf der Tîrnava Mare entlang gezogen und haben gewisse im Osten übernommene Einflüsse der Tschernjachow- Sîntana de Mureș-Kultur nach Bratei mitgebracht.130

Das Fundgebiet der Sf. Gheorghe-Kultur ist in den Ostkarpaten weit verbreitet. In ihr leben archaische dakische Merkmale in größerem Umfang fort, während der römische Anteil gering und schwer zu erfassen ist. Die bedeutenden Einflüsse der Tschernjachow- Sîntana de Mureș-Kultur lassen vermuten, dass in Folge der Goten, die sich nach 332 an der unteren Donau niedergelassen haben, Teile der dort ansässigen Bevölkerung über die Karpaten nach Norden abgedrängt worden sind und ein verstärktes Hervortreten ersterer Kultur bewirkt haben.131

Folgt man den Ausführungen Kurt Horedts, sind die Funde aus dem Friedhof Nr. 1 von Bratei einer dakischen, aus grenznahen oder sogar von außerhalb der ehemaligen Provinz gelegenen Gebieten zugewanderten Bevölkerung geringen Romanisierungsgrades zuzuschreiben.

Nun stellt sich die Frage, ob das erwähnte Beispiel des Friedhofs Nr. 1 für die Verhältnisse im postaurelianischen Dazien typisch ist oder einen Einzelfall darstellt. Zum Versuch einer Beantwortung soll folgende Statistik, welche die Fundkataloge zweier Werke Dumitru Protases bearbeitet, beitragen.

Ich teile die aufgezählten archäologischen Funde, die die dakoromanische Kontinuität betreffen, in sechs Gruppen ein; die Zuweisung erfolgt nach Möglichkeit auf Grund der Aussagen des Autors, wobei die Funde von Bratei auf Grund des hier oben Gesagten der Gruppe 3 zugeordnet werden.

Gruppe Nr. Benennung
1 städtisch-zentraler Bereich
2 sehr zweifelhafte ethnische Zuordnung
3 Zuwanderung von Dakern von außerhalb der Provinz
4 Tschernjachow- Sîntana de Mureș-Kultur
5 zweifelhafte dakoromanische Kontinuität
6 sichere dakoromanische Kontinuität

Lfd. Nr. aus den Werken:

Gruppe Nr. Problema continuității (1966) Rituri funerare (1971)
1 1, 8, 9, 13, 21, 22 1, 3, 6, 8, 9, 12
2 17, 18, 25, 29 7
3 2, (3), 4, 5, 7, 12, 14, (20), 27 2, 13, 14, 15, 16, 17
4 (3), (20) -
5 11, 15, 16, 26 11, 5
6 10, 23, 24 4, 10
Bratei erscheint unter der Nummer: 4 2

Zählt man die Gruppe 3 dem Fundtyp „A“ (Zuwanderung), die Gruppen 5 und 6 dem Fundtyp „B“ (Bodenständigkeit) zu, ergeben sich folgende Verhältniszahlen:

Problema continuității Rituri funerare (1971)
A: 9 A: 6
B: 7 B: 4

Die dem ländlichen Bereich zugehörigen Funde deuten demnach überwiegend auf Zuwanderungsbewegung hin. Zählt man zum Typus B nur die Gruppe 6, erhält man folgende Verhältniszahlen:

Problema continuității Rituri funerare (1971)
A: 9 A: 6
B: 3 B: 2

Somit fällt auf drei Funde des Typs A (Admigration) im Durchschnitt nur ein gesicherter Fund, der die Kontinuität der bodenständigen Bevölkerung bekundet.

Auch der jüngste Fundkatalog, jener von Kurt Horedt132, führt nur vier Nummern (10, 12, 13, 19) als sicher dakoromanisch an, während 25 auf Zuwanderung zurückgeführt werden.

Die in den Werken Dumitru Protases als sicher dakoromanisch bezeichneten Funde sind jene von Sf. Gheorghe, Iernut und Sebeș. Bei letzterem handelt es sich um einen Siedlungsfund, der wegen der eingangs erwähnten Einschränkung auf Bestattungsfunde hier nicht besprochen werden soll.

Die beiden Gräber von Sf. Gheorghe gehören nach Meinung Kurt Horedts, was das Muldengrab betrifft, der Sf. Gheorghe-Kultur an, während das Körpergrab nicht bestimmt werden kann.133

Als Beispiel für den Fortbestand der dakoromanischen Bevölkerung auf dem Land sei das Gräberfeld von Iernut beschrieben. Dieser Ort liegt 28 km westsüdwestlich von Tîrgu Mureș. Das Gräberfeld, historisch gesehen nahe einer villa rustica gelegen, wurde bei Bauarbeiten angeschnitten und völlig zerstört, noch bevor wissenschaftliche Untersuchungen einsetzen konnten.

Die Arbeiter erzählten von etwa zehn bis zwölf Urnen, doch ist nur eine ungeöffnet erhalten geblieben. Diese Urne typisch römischer Machart enthielt, wie die wissenschaftlich durchgeführte Öffnung ergab, neben der Totenasche und einem kleinen Glasbruchstück auch eine Bronzemünze der Gattin Kaiser Severus aus dem Jahre 275, die in Tarraco in der Provinz Hispania geschlagen worden ist. Wenn man die Zeitspanne berücksichtigt, die die Reise der Münze vom Prägeort an den nunmehrigen Fundort benötigt hat, datiert das Grab zweifelsfrei aus der Zeit nach dem aurelianischen Abzug.134

Auch in diesem Fall – ähnlich den Funden in den Städten – gibt es keinen Hinweis auf die dakische Volkszugehörigkeit des Bestatteten; eine römische Begräbnisform wird weiter geführt. Obgleich der Fundort nahe einer Villa Rustica, d.h. einem römischen Zentrum135, gelegen ist, kann hier mit größerer Berechtigung und höherer Wahrscheinlichkeit ein Fortbestand dakoromanischer Bevölkerungselemente angenommen werden.

Aus dem bisher Gesagten ergibt sich allerdings, dass eigenartiger Weise gerade aus den ländlichen Gebieten die Bevölkerung der Dakoromanen in großer Zahl abgezogen sei, während die römischen Stadtbewohner in größerem Ausmaß zurückgeblieben wären136. Das auf dem Lande entstandene Vakuum hätte die Admigrationsbewegung der freien Daker zur Folge gehabt137; die ehemalige Provinzbevölkerung wäre unter Umständen sogar zur Minorität geworden.

Dieses Bild ergibt sich allein aus der statistischen Verwertung der Fundkataloge. Da dieses Verfahren die historische Wahrheit verzerrende Zufälligkeiten enthalten kann – man bedenke die sehr geringe, in der äußerst dünnen Besiedlung jener Gebiete in nachrömischer Zeit begründete, Anzahl der Funde138! –, kann es keinen unanzweifelbaren Beweis für jene Auffassung liefern.

Doch auch für die bereits erwähnte gegenteilige Meinung rumänischer Forscher lässt sich aus dem archäologischen Fundmaterial kein Beweis ableiten. Bewiesen ist der Fortbestand autochthoner Bevölkerung für das erste Jahrhundert nach der Aufgabe der Provinz, wenngleich auch bloß in geringem Umfang. Von dieser und den römischen Stadtbewohnern haben die eingewanderten freien Daker, wie noch zu zeigen sein wird, romanische Sprache und Sitten angenommen.

4. Kontinuität und Christentum

Obwohl gnostische und kryptochristliche Funde nicht fehlen139, werden für die Provinz Dazien außer vereinzelten Anhängern des neuen Glaubens keine im öffentlichen Leben bedeutsam in Erscheinung tretenden urchristlichen Gemeinschaften anzunehmen sein. Die Verhältnisse unterschieden sich wohl nicht von denen anderer römischer Provinzen. Erst im 4. Jahrhundert, nach dem Mailänder Edikt (313), tritt diese Religion im Imperium Romanum deutlicher hervor.140

Der Christianisierungsprozess selbst liegt für uns im Dunkeln. Für die Behauptung, der neue Glaube sei in der ehemaligen Provinz Dazien von aus den südlichen Provinzen gekommenen Missionaren verbreitet worden141, gibt es keinen Anhaltspunkt. Der noch zu besprechende Fund des Donariums von Biertan sowie der Münzstrom dieser Zeit weisen vielmehr auf kulturelle und wirtschaftliche Kontakte mit Aquileia.142

Der gelegentlich als ‚Missionar der Rumänen’ bezeichnete Niceta (auch: Nicetas) von Remesiana dürfte nur in der näheren Umgebung seines südlich der Donau gelegenen Bischofssitzes gewirkt haben. Viele Argumente sprechen gegen, doch nicht ein gewichtiges für ein Ausweiten seiner Tätigkeit auf nördlich der Donau gelegene Gebiete oder gar Transsilvanien.143

Der christliche Glaube fasste zuerst unter den Stadtbewohnern Fuß. Neben den erwähnten Merkmalen im Grabbrauch beweist dies das Fundmaterial eindeutig christlichen Charakters144 aus dem 4. Jahrhundert.

Als Beispiel sei die Tonlampe mit Bodenkreuz aus Alba Iulia erwähnt. Dieser Gegenstand wurde in den antiken Thermenanlagen von Adalbert Cserni noch im 19. Jahrhundert gefunden. Auf Grund der Form wird er ins 4. bis 5. Jahrhundert datiert. Das reliefartig ausgeführte, außen am Boden angebrachte Kreuz mit drei kürzeren und einem längeren Arm, eine sogenannte crux immissa, weist eindeutig christlichen Charakter auf.145

Funde aus ländlichen Regionen liegen in viel geringerer Anzahl vor.

Der in diesem Zusammenhang wichtigste Fund ist das bekannte Donarium von Biertan (Birthälm). Es besteht aus zwei zusammengehörigen Gegenständen: einer etwa 32,5 mal 12,6-13,2 cm großen tabula ansata, die eine in durchbrochener Arbeit ausgeführte Inschrift „EGO ZENO/VIVS VOT/VM POSVI“ [Ich, Zenovius, habe das Opfergeschenk hinterlegt] trägt, und einer Scheibe, 23,7 cm im Durchmesser, mit dem Christogramm „ΧΡ“, die mit Ösen verbunden gewesen sind.146

Auf Grund der Buchstabenform des „G“ in „EGO“, des Christogramms und von Analogien, die außerdem auf Aquileia als Ausgangspunkt für diesen Typus von Weihegeschenk hinweisen, kann der Gegenstand mit hinreichender Sicherheit in das 4. Jahrhundert datiert werden.147

Die Auffindung erfolgte schon im Jahre 1775, doch blieb das Donarium in den Beständen des Brukenthal-Museums in Sibiu, bis es 1941 von Kurt Horedt mit einem die Fundumstände schildernden Briefkonzept des Mediașer Bürgermeisters Michael von Heydendorff (1779, 7. März) in Zusammenhang gebracht, in seiner Bedeutung erkannt und untersucht worden ist.148

Der Fundort konnte sehr genau bestimmt werden. Dieser lag bei einer Quelle, ca. 6 km südlich von Biertan, in einem abgelegenen Nebental des Flusses Tîrnava Mare. Daher denkt Horedt an ein Baptisterium oder eine kleine Kapelle eines Einsiedlers, wo es aufbewahrt oder als Leuchteraufhängung benützt worden ist.149

Das Donarium belegt das Bestehen einer christlichen Gemeinde in einer ländlichen Gegend der ehemaligen Provinz150. Die Inschrift spricht zwar für den lateinischen Charakter des Christentums, wie der Typus der Chrismonscheibe nach Oberitalien weist, ist jedoch an sich kein Beweis für den romanischen Charakter der Bevölkerung. Zum einen handelt es sich wahrscheinlich um einen Importgegenstand, zum anderen ist in diesem Zusammenhang neben griechisch kaum eine andere Inschriftensprache denkbar. Es ist aber sehr unwahrscheinlich und nicht anzunehmen, jene Christen seien keine Dakoromanen gewesen:

Die Ausbreitung der christlichen Funde beschränkt sich ausschließlich auf das ehemals von Rom beherrschte Gebiet, und wir können daher für die ersten hundert Jahre nach der aurelianischen Räumung diese ethnische Zuweisung vornehmen.151

Etwa ab dem Jahre 376 dringen die Goten in das Gebiet des heutigen Siebenbürgens ein152, und das Problem der ethnischen Unterscheidung beginnt sich zu stellen. Hierzu wird, wie noch gezeigt werden wird, behauptet, nur die dakoromanische Bevölkerung habe die christliche Religion bis heute im Norden der Donau bewahren können153.

Obgleich das Datum der entgültigen Christianisierung der Goten (382-395) in die Zeit nach dem Tode Ulfilas gesetzt wird, sind schon vor der Kontaktaufnahme mit den Dakoromanen (376) christliche Elemente feststellbar. So sind die vier auf uns gekommenen Namen von Märtyrern, die während der Christenverfolgung der Jahre 369 bis 372 ertränkt worden sind: Sabas, Inna, Rema und Pinna, gotisch.154

Auch archäologische Hinweise für Christentum bei den Goten während ihres Weilens in der ehemaligen Provinz Dazien gibt es. Der ins 4. Jahrhundert datierte gotische Friedhof, der bei Pălatcă (bei Cluj) ausgegraben wurde, enthielt einen Brotstempel mit einem Kreuz und einen (im christlichen Charakter weniger sicheren) Anhänger, der mit dem gleichen Symbol versehen ist. Diese Gegenstände deuten auf das Gebiet der unteren Donau als Missionsausgang und können daher nicht als Zeugen einer Christianisierung in Folge des Zusammenlebens mit den Dakoromanen gesehen werden.155

Die Funde des 5. Jahrhunderts, byzantinische Importwaren, weisen allesamt auf germanische, nicht auf romanische Volkszugehörigkeit und werden mit den arianschen Ostgoten in Zusammenhang gebracht.156

Die Gepiden, welche nach den Goten die Herrschaft in diesem Gebiet um 454 antreten157, sind zu diesem Zeitpunkt bereits christianisiert158; in ihren Gräbern finden sich allerdings keine christlichen Beigaben159.

Christliche Elemente unter den Fundgegenständen wurden bei den Slawen festgestellt, die augenscheinlich gemeinsam mit den Awaren vielleicht schon im 6. oder 7. Jahrhundert eindrangen160. Ihre endgültige Bekehrung fällt allerdings erst in spätere Zeit.161

Diese schwierige und sogar als verworren zu bezeichnende Situation lässt den Beweis der Kontinuität des Christentums, verknüpft mit der autochthonen Bevölkerung, nicht zu162. Das Donarium von Biertan gibt einen Hinweis auf den Fortbestand bodenständiger Bevölkerungselemente in ländlichen Gegenden163, obgleich die Funde aus den städtischen Zentren hier wiederum überwiegen.

Für die Zeit nach 376 ist das Verfahren, die ethnische Zuweisung von Bodenfunden an die dakoromanische Bevölkerung allein auf Grund der Anwesenheit von einzelnen Gegenständen, gewissen Elementen in der Bestattungsart oder anderen Merkmalen, denen christlicher Charakter zugeschrieben wird, vorzunehmen, unzulässig. Für dieses Problem ist die Geschichte des Christentums nördlich der Donau eigentlich nicht relevant.

5. Die Frage der Kontinuität nach dem 4. Jahrhundert

Diesem schwierigen Kapitel, das die Kernfrage des Kontinuitätsproblems behandelt, sei die Meinung einiger Wissenschaftler vorangestellt:

Für die Zeit von 400 bis 650 ergibt sich in der archäologischen Beweisführung die Schwierigkeit, daß wegen der Auflösung des römischen Reiches die Zusammensetzung des Kulturgutes einheitlich wird und nicht mehr wie vorher die Möglichkeit bietet, unmittelbar nach Grabsitten und Kulturen Romanen von Germanen zu trennen.164

Noch schwieriger werde die ethnische Zuordnung von Fundgut für den Zeitraum nach 650. – Die Kontinuität sei nur bis zum Ende des 4. Jahrhunderts erwiesen, erst ab dem 10. bis 13. Jahrhundert seien die nunmehrigen Rumänen urkundlich und archäologisch wieder fassbar, meint Kurt Horedt.165

Für das 6. Jahrhundert wird neben der Vereinheitlichung des Fundgutes auch das Herausbilden einer einheitlichen Bestattungsform, die mit dem Fachausdruck „Reihengräber“ bezeichnet wird, beobachtet. Körperbestattungen, meist west-östlich ausgerichtet, sind die Regel, Beigaben sind üblich. Durch diese Erscheinungen, die nicht nur in Siebenbürgen, sondern in weiten Teilen Europas zu verzeichnen sind, werden ethnische Unterscheidungen fast unmöglich.166

Auch Constantin Daicoviciu hält die dakoromanische Kontinuität bei alleiniger Berücksichtigung der Bodenfunde für nicht nachweisbar, die Beweisführung wird auf historiographische und linguistische Forschungen verlegt. Nur bis ins 6. Jahrhundert seien archäologische Spuren einer dakorömischen Provinzbevölkerung vorhanden; als Beispiel wird u.a. die Ausgrabung von Morești167 angeführt. Die Ipotești-Cîndești-Kultur hält der Forscher für eine slawo-dakische, die Dridu-Kultur (deren Namen er ablehnt) für eine slawo-bulgarische. Dennoch sei nicht anzunehmen, die bodenständige Bevölkerung habe das Gebiet nördlich der Donau gerade im 5.-6. Jahrhundert verlassen, sie habe vielmehr Zuflucht in den Wäldern und Gebirgen gesucht.168

Ähnlich äußert sich Sabine Rieckhoff-Pauli in einem allgemein das Problem der ethnischen Zuordnung von Fundgut und des archäologischen Nachweises einer Völkerschaft in einem bestimmten Gebiet beleuchtenden, aber wohl auch im Hinblick auf die rumänische Kontinuitätsfrage verfassten Aufsatz: „... werden wir nie mit 100% Genauigkeit wissen, welches Volk wir fassen, wenn schriftliche Selbstzeugnisse aufhören.“169

Einen teilweise gegensätzlichen Standpunkt nimmt Ligia Bîrzu ein. Die Vereinheitlichung der Kultur schreibt die Forscherin der starken römischen Macht an der Donau zu, das Fundmaterial wird a priori der einheimischen römisch-dakischen Bevölkerung zugeordnet. Als Beweis für die Kontinuität wird der Fortbestand des Christentums und der provinzialrömischen Keramik gesehen; der einheitlichen einheimischen Kultur wären die Wandervölker nur unwesentliche Elemente beizufügen im Stande gewesen. Das Auftreten der Slawen hätte nur das Aufleben alter dakischer Gefäßformen und die Wiedereinführung des alten Brauches der Brandbestattung zur Folge gehabt.170

Diese Meinung vertritt augenscheinlich die Mehrzahl der Wissenschaftler in Rumänien, so auch Constantin C. Giurescu und Dinu Giurescu, die den dakoromanischen Charakter der Bratei-, Ipotești-Cîndești- und Dridu-Kultur behaupten171; weiters Ilie Ceaușescu, der das Übergewicht des dakischen Elements gegenüber dem romanischen in der Kontinuität des rumänischen Volks, dessen Abschluss der Ethnogenese er in das 1.-3. Jahrhundert n. Chr. setzt, herausstreicht172, und P. Diaconu. Letzterer meint:

Im Abschnitt der Vollendung des Ethnogeneseprozesses des rumänischen Volkes hat sich eine eigene materielle Kultur gebildet, die in ihren Grundkomponenten eine lokale, dakische und provinzialrömische Tradition widerspiegelt.173

Als Beispiel für die Funde aus dem 6. Jahrhundert sei der Fund einer Siedlung und eines Gräberfeldes bei Morești besprochen. Dieses Dorf ist 11 km westlich von Tîrgu Mureș, am Mureșfluss gelegen. – Die Grabungen wurden bereits in den fünfziger Jahren abgeschlossen, doch erst 1979 wurden die Ergebnisse von Kurt Horedt zusammengefasst publiziert.174

Dieser Platz war schon in der Vorzeit (Stein-, Bronze- und Latènezeit) bewohnt, ebenso in der Zeit der Römerherrschaft; dann erst wieder in der Völkerwanderungszeit, als sich im 5. bis 6. Jahrhundert hier Gepiden niederlassen.175

In der Siedlung wurden unter zahllosem anderen Fundmaterial auch vier Stilusnadeln in völkerwanderungszeitlichen Gesindehütten gefunden, und zwar eine in der Hütte Nr. 13, einer Webehütte, eine in der Hütte Nr. 19, eine vergoldete in der Hütte Nr. 28, und eine Bronzenadel, vermutlich Stilus, in der Hütte Nr. 26.176

Diese Nadeln wurden von den Frauen im Haar getragen und sind verloren und in den Boden der Hütten eingetreten worden. Da diese Art von Schmuckstücken bei den Gepiden der Tisa-Gegend nicht nachgewiesen worden ist, sie aber in Pannonien als für die romanische Bevölkerung typisch gelten, vermutet Kurt Horedt in ihren Trägerinnen Angehörige einer unter den Gepiden lebenden romanischen Bevölkerungsschicht. Mit weniger großer Wahrscheinlichkeit weisen auch die Funde von Eisenfibeln auf romanische Elemente hin.177

Der zur Siedlung gehörige birituelle Friedhof, der etwa 500 bis 575 belegt worden ist, weist keine Funde von Stilusnadeln auf. Da die Siedlung länger Bestand gehabt hat, schließt der Forscher, dass diese Schmuckstücke vielleicht „den Zuzug neuer romanischer Elemente anzeigen“.178

Auch in der sozialen Schichtung dieses Gräberfeldes sieht Kurt Horedt unterscheidende ethnische Kriterien: 74% beigabenlose, „arme“ Gräber stehen 26% „reichen“ Bestattungen gegenüber. – Analog der Fundverhältnisse in völkerwanderungszeitlichen Friedhöfen der Region zwischen Loire und Rhein, wo die reichen Gräber auf Grund des Beigabenmaterials mit hoher Sicherheit den Germanen zugesprochen werden können, kehrt der Forscher hier den Schluss um und sieht in den armen Gräbern die Bestattungen der von der germanischen Oberschicht unterdrückten romanischen Bevölkerung.179

Ich halte dieses Verfahren für nicht statthaft. Nach Aussonderung der Gräber, die mit Bestimmtheit nicht dem autochthonen Element zuzuordnen sind, bleibt nicht automatisch dessen Anteil übrig. Es ist nicht möglich zu beweisen, eine germanische Unterschicht habe nicht existiert, und daher kann der Anteil der romanischen Bevölkerung an den armen Grabstätten nicht bestimmt werden und könnte ebenso gut gänzlich fehlen.

Der Fund der Stilusnadeln deutet mit gewisser Wahrscheinlichkeit auf romanische Elemente hin, die jedoch zeitlich nach dem Gräberfeld einzuordnen sind und daher auch nach Meinung Kurt Horedts auf Admigration hindeuten.

Die besprochenen Funde von Morești ergeben daher keinen sicheren Beweis für den Fortbestand der autochthonen Bevölkerung.

Das gleiche Resultat ergibt sich im Falle des Gräberfeldes von Noșlac180, nahe Aiud am Mureșfluss gelegen, wo sich slawische, awarische und germanische ethnische Elemente nachweisen lassen. Nach der Meinung Mircea Rusus ist der Großteil der Bestatteten der dakoromanischen Bevölkerung zuzuschreiben, da sich eine Reihe von Unterschieden zu anderen vergleichbaren Friedhöfen finden lässt: der Fundreichtum an Metallgegenständen (Gürtelbeschläge, Waffen, Messer etc.) und an byzantinischen Importwaren, die teilweise christlichen Charakter aufweisen. Die west-östliche Ausrichtung der in Reihen angelegten Gräber deutet nach Meinung des Wissenschaftlers auf die christliche Religion der dakoromanischen Bestatteten, obgleich – den Beigaben nach zu schließen – gewisse heidnische Elemente noch nicht abgelegt worden seien.181

Die Besonderheiten dieses Friedhofs deuten vornehmlich auf den materiellen Reichtum der Bestatteten182; meines Erachtens können hieraus keine Schlüsse auf die ethnische Zugehörigkeit gezogen werden. Die anderen beschriebenen angeblich christlichen Züge im Begräbnisritus und der Beigabenbrauch sind in Wahrheit ganz allgemeine Merkmale, die den Typus der Reihengräber ausmachen.

Als weiteres Argument für die ethnische Zuweisung an die autochthone Bevölkerung scheint das der Keramik auf, deren Charakterzüge in den vorhergegangenen Jahrhunderten wurzelten183. – Auf dieses Problem werde ich noch zurückkommen. Es stellt sich auch in der ethnischen Zuschreibung der Funde jenes Fundkomplexes, der als einer der wichtigsten Beweise für die dakoromanische Kontinuität im 7. und 8. Jahrhundert angesehen wird184:

Dies ist der „Friedhof Nr. 2“ von Bratei185. Dieses birituelle Gräberfeld der erwähnten Zeit wurde in den Jahren 1964 bis 1967 erforscht. Nachdem etwa hundert Gräber durch das Fortschreiten der Abbautätigkeit in der Sandgrube zerstört worden waren, konnten noch 210 Brandgräber und 34 Körpergräber wissenschaftlich ausgewertet werden.186

Die Zuschreibung an die dakoromanische Bevölkerung wird durch den Hinweis auf die christliche Religion der meisten Bestatteten gestützt. Die west-östliche Ausrichtung von Grabstellen und der Fund einer Urne mit einem auf dem Boden außen eingestempelten Kreuz sprächen für christliche Elemente, die festgestellte Anwesenheit von Brandbestattung sei für diese Annahme kein Hindernis.187

Die west-östliche Ausrichtung der Grabstellen ist zum einen nicht ausschließlich. Von den 24 nach ihrer Ausrichtung bestimmbaren Körperbestattungen, die alle aus der letzten Belegungszeit stammen, weisen 22 etwa west-östliche, nur 2 etwa nord-südliche Ausrichtung auf; bei den Brandgräbern beträgt dasselbe Verhältnis 5:4, d.h. nahezu die Hälfte ist nord-südlich ausgerichtet. Dies würde auch die Interpretation zulassen, dieses Ethnikon wäre erst im Prozess der Christianisierung begriffen gewesen. – Wie bereits gezeigt, ist eine west-östliche Ausrichtung von Grabstellen allein kein sicherer Hinweis für Christentum.

Das auf dem Boden der Urne aus Grab 109 – einem NNW-SSO orientierten Grab!188 – befindliche Kreuz ist in seinem christlichen Charakter sehr zweifelhaft. Dieses Zeichen ist nur eines unter vielen, die als Stempelmarken auf Gefäßböden jener Epoche aufscheinen: neben Kreuzen treten auch Ring-, Gitter-, Rechteckformen u.v.a. auf. Das gegenständliche, in einen Kreis eingeschriebene Kreuzsymbol ist außerdem als Rad- bzw. Sonnenzeichen seit der Urgeschichte bis in heutige Zeit auf der ganzen Welt in Verwendung189.

Somit kann im Komplex des Friedhofes Nr. 2 kein einigermaßen sicheres Zeichen für die christliche Religion dieses Volkes gefunden werden.

Als letztes, gleichwohl sehr wichtiges Argument für die ethnische Zuschreibung der Funde aus dem 5. bis 10. Jahrhundert und für die Beweisbarkeit der Kontinuität ist das Weiterleben von Formen und Techniken der provinzialrömischen Keramik.

Wie bereits am Beispiel der dakischen Keramik gezeigt, werden durch den Versuch von Imitationen Formen und Charakterzüge der Keramik eines anderen Volkes übernommen, ohne dass ein besonders enger Kontakt der beiden Kulturen bestehen muss190. Auch im Falle der Kontinuität der Keramik könnten die Wandervölker Merkmale von den bodenständigen Töpfererzeugnissen übernommen und so die provinzialrömische Tradition fortgeführt haben, ohne dass eine ethnische Kontinuität bestanden haben muss.

Meiner Meinung nach ist aber bereits dem ersten Augenschein nach die Kontinuität der Keramik in Frage zu stellen. Von der provinzialrömischen Keramik müsste eine Entwicklung zu den Funden von Bratei (Friedhof Nr. 1) über Morești, Noșlac zu Bratei (Nr. 2) führen.

Kurt Horedt meint, dass bereits die Keramik von Morești in Bezug auf die Stempelverzierungen den provinizialrömischen Einfluss nur indirekt widerspiegelt: die germanischen Völker seien, mit dem von der Provinz seinerzeit ausgestrahlten Einfluss behaftet, in nachrömischer Zeit in Siebenbürgen eingedrungen und hätten dadurch provinzialrömische Einflüsse wieder in dieses Gebiet verpflanzt. Der Zeitabstand der provinzialrömischen zur völkerwanderungszeitlichen Stempelkeramik sei zu groß, um eine Kontinuität anzunehmen. Auch die in Noșlac als zeitlich letzte Vertreter dieses Typs gefundenen Krausengefäße weisen nach Meinung des Forschers in das Gebiet östlich der Provinz, also ins Barbaricum.191

Hier eine Entscheidung zu fällen, ist mir im Rahmen dieser Arbeit nicht möglich; eine spezielle Fachausbildung und langwierige Studien wären eine Voraussetzung hierfür. Dennoch halte ich den Beweis der Kontinuität der Keramik für nicht geglückt.192

Obgleich möglicherweise gewisse romanische Elemente sich bis ins 6. Jahrhundert nachweisen lassen (Morești), kann ein Beweis für eine in größerem Rahmen stattgehabte dakoromanische Kontinuität nach dem 4. Jahrhundert nicht gefunden werden.

Im Folgenden sei die rumänische Sprache, die beweismäßig größere Zeitspannen, als archäologische Funde dies können, zu erfassen vermag, untersucht.